Debatte um Missbrauch: Erzbischof will Zollitsch treffen
Erzbischof Zollitsch soll Missbrauch vertuscht haben | Südbaden | SWR Aktuell Baden-Württemberg | SWR Aktuell
Der Freiburger Erzbischof Stefan Burger greift seinen Vorgänger Robert Zollitsch an. Der Vorwurf: In einem Missbrauchsfall im Kinzigtal im Ortenaukreis habe Zollitsch Empathie mit den Opfern vermissen lassen.

Freiburg – Der Freiburger Erzbischof Stefan Burger (56) hat seinen Amtsvorgänger direkt angegriffen. Bislang hatte er eher allgemein gehaltene Vorwürfe artikuliert, wonach Fehler im Umgang mit sexuellem Missbrauch durch Pfarrer gemacht­ worden seien: Gemeint ist Robert Zollitsch (80), Freiburger Erzbischof von 2003 bis 2013, davor zehn Jahre lang Personal­referent der Erzdiözese Freiburg und damit für die Seelsorger in den Pfarrgemeinden zuständig.

Die Vorgänge im Kinzigtal wurden im Jahr 2010 öffentlich, nachdem Misshandlungsfälle im Jesuitenkolleg in St. Blasien (Landkreis Waldshut) publik geworden waren. Der beschuldigte Oberharmersbacher Pfarrer habe 1991 mit Selbstmord gedroht, falls seine Taten der Staatsanwaltschaft angezeigt würden, deshalb habe Zollitsch den 60-Jährigen lediglich in den vorzeitigen Ruhestand versetzt, heißt es in Kirchenkreisen. Nachdem sich ein Missbrauchs­opfer der Kirche offenbart hatte, drohten dann doch staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, denen sich der Pfarrer im Jahr 1995 durch Selbstmord entzog.

Zollitsch, der von 2008 bis 2014 auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz war, hatte in einer Erklärung in Freiburg im März 2010 sein Bedauern über diese Vorgänge geäußert und Vertuschungsvorwürfe zurückgewiesen. Obwohl er sich bei der Gemeinde entschuldigt und den Opfern finanzielle Unterstützung für therapeutische Hilfe in Aussicht gestellt hatte, ist sein 2014 geweihter Nachfolger mit der mangelnden Empathie gegenüber den Opfern offenbar unzufrieden.

In Oberharmersbach wird beklagt, dass sich Zollitsch nicht vor Ort für die Kirche entschuldigt hat. Ich habe vor Kurzem das Gespräch mit der Gemeinde gesucht, sagte Erzbischof Burger der Katholischen Nachrichtenagentur jetzt in einem Interview. Burger hatte die Kirche im Kinzigtal zum Pfarrfest im Oktober besucht. Dabei ist mir klar geworden, dass es vielen Betroffenen wichtig wäre, von Alterzbischof Zollitsch noch einmal ein Wort zu hören. Dass er signalisieren würde, dass auch er Fehler gemacht hat. Der jetzige Pfarrer der Seelsorgeeinheit, Bonaventura Gerner, hatte den amtierenden Erzbischof aufgefordert, seinen Vorgänger nicht mehr im Kirchendienst einzusetzen.

Zollitsch tritt auf Einladung von Kirchengemeinden zum Beispiel bei Firmungen in Erscheinung. Zu den Vorwürfen äußert sich Zollitsch derzeit nicht, die Pressestelle des Bistums erklärte, es gäbe derzeit nur sporadischen Kontakt zu ihm. Es sei davon auszugehen, dass der Erzbischof und sein Amtsvorgänger in diesem Zusammenhang Gespräche führen werden.

Seinen Amtsvorgänger zu einer Entschuldigung zwingen kann Erzbischof Burger nicht. Aber detailliert aufgearbeitet worden sei der Fall Oberharmersbach eben nie, und man habe zudem Hinweise, dass in der Vergangenheit Personalakten von mutmaßlichen Tätern manipuliert wurden. Strukturen, die die jahrelangen Missbrauchstaten begünstigten, sollen laut Burger nach der Gesamtbilanz der Missbrauchsfälle, die bundesweit unlängst gezogen wurde, nun verschärft angegangen werden. Wir müssen Vertrauen neu aufbauen, das über Jahre zerstört wurde, erklärte der Freiburger Erzbischof. Er habe eine Fachgruppe beauftragt, Vorschläge zu erarbeiten, um Machtmissbrauch und Klerikalismus zu verhindern.

Auch wenn es kein Trost für die Opfer ist, hat die Erzdiözese Freiburg laut ihrer Pressestelle bisher rund eine Million Euro als Leistungen in Anerkennung des Leids, das Betroffenen sexuellen Missbrauchs zugefügt wurde, gezahlt. Ergänzend wurden etwa 380 000 Euro für Therapieleistungen vom Erzbistum getragen. Zwischen 1946 und 2015 hatte ein bundesweites Forschungsprojekt im Freiburger Bistum 190 Beschuldigte (von 4100 Klerikern) und 442 Opfer ausgemacht.

Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger hat seinem Vorgänger, dem früheren Erzbischof Robert Zollitsch, Fehler bei der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch vorgeworfen.

Er müsse davon ausgehen, so Burger am Mittwoch gegenüber dem SWR, dass Zollitsch in seiner Zeit als Personalreferent der Erzdiözese Missbrauchsfälle vertuscht habe. Es geht dabei um den Missbrauchsskandal in Oberharmersbach im Ortenaukreis. In dem Schwarzwaldorf fand 23 Jahre lang, von 1968 bis 1991, durch den damaligen Ortsgeistlichen systematischer Missbrauch an mindestens 60 Kindern statt. Zollitsch hatte den Pfarrer in den Zwangsruhestand versetzt, den Missbrauch aber nicht der Staatsanwaltschaft gemeldet und nicht publik gemacht.

“Ich muss davon ausgehen, dass relevante Dinge über seinen Schreibtisch gelaufen sind”, so Burger über seinen Vorgänger. Dinge seien “nicht korrekt vonstatten gegangen”. Der Fall wurde nach dem Selbstmord des Pfarrers nie aufgearbeitet. Das heißt, Robert Zollitsch war im Anschluss auch nie vor Ort, um mit Opfern zu sprechen. Dies hat Burger nun nachgeholt, was von der Gemeinde “dankbar angenommen” worden sei.

Der aktuelle Pfarrer von Oberharmersbach habe Burger gebeten, dass Zollitsch das Erzbistum nicht weiter öffentlich vertritt. Burger sagte, als Alterzbischof im Ruhestand habe Zollitsch das Recht, etwa Firmreisen zu machen oder Vorträge zu halten, wenn er angefragt sei. “Auf dieser Ebene werde ich das auch weiterhin belassen”, sagte Burger. Er wünsche allerdings, dass Zollitsch sich mit Blick auf die Opfer zum persönlichen Versagen bekenne; diesen Schritt könne er aber nicht für seinen Vorgänger machen. Zollitsch hatte seinerzeit gesagt, dass er heute anders handeln würde. Äußern will er sich dazu jetzt nicht mehr.

In der Prävention des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche ist nach Ansicht Burgers schon viel erreicht worden. Die Gefahr sei aber noch nicht gebannt. Die umfassende Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs sei ihm ein zentrales Anliegen, sagte Burger anlässlich einer Tagung in Freiburg zu zehn Jahren Präventionsarbeit gegen sexualisierte Gewalt im Erzbistum. Das Tagungsmotto “Kirche wird sicherer Ort” sei Anspruch, Weg, Ziel und Anforderung an alle, so Burger.

Bei all den Betroffenen und Beschuldigten gehe es auch um “Strukturen der Vertuschung, der Intransparenz, des Täterschutzes, des Widerstandes gegen Aufarbeitung und Prävention”. Dies stehe im Widerspruch zum Evangelium, sagte Burger: “Missbrauch pervertiert die Botschaft Christi”.

Eine von ihm eingesetzte Expertengruppe prüfe, welche Strategien gegen Klerikalismus und Missbrauch jeder Art auf den Weg gebracht werden können. Machtstrukturen dürften einer Aufarbeitung nicht im Wege stehen. Zugleich kündigte er einen Ausbau von Präventionsmaßnahmen an. Es gelte, die bestehenden Angebote fortzuentwickeln.

Inzwischen seien mehr als 90 Prozent aller in der Seelsorge tätigen Mitarbeiter entsprechend geschult. Nur durch das Einüben von Achtsamkeit, Transparenz und Respekt könne es der Kirche gelingen, verloren gegangenes Vertrauen zurück zu gewinnen, so der Erzbischof. Weiter sei die Digitalisierung in den Blick zu nehmen. Erzbischof Burger nannte Cybermobbing und Pornografie als Beispiele für Missbrauch etwa in sozialen Netzwerken. So müsse die Präventionsarbeit der Kirche auch auf das Internet ausgeweitet werden.