Reich, berühmt und sexy: Eintracht vermeldet Umsatzrekord - hessenschau.de
Eintracht Frankfurt (SGE): Mehr als 200 Millionen Euro für die Eintracht | Eintracht
Nach einer der aufregendsten Spielzeiten der Vereinsgeschichte schwimmt Eintracht Frankfurt in Geld und Liebe. Obwohl aus finanzieller Sicht keine Spieler verkauft werden müssten, droht ein Umbruch. Stareinkäufe soll es nicht geben.

Für die große Eintracht-Familie ging es am Dienstag mit dem Flieger in Richtung China. Der als Abschlussfahrt getarnte PR-Trip bildet den Endpunkt einer schon jetzt historischen Saison. Hier ein bisschen Sightseeing, dort ein Testspiel gegen den VfL Wolfsburg, zwischendurch ein paar Werbetermine. “Da sind aber auch Aktivitäten dabei, die durchaus vergnügungssteuerpflichtig sind”, beschrieb Vorstand Axel Hellmann die letzte große Frankfurter Reise in dieser Besetzung.

Ob sich der Höhenflug der Eintracht in der kommenden Saison auf dem Rasen fortsetzt, ist ungewiss. Die Aufsehen erregende Fußball-Kampagne der abgelaufenen Spielzeit wirkt wirtschaftlich auf jeden Fall nach, nicht nur auf dem Sektor der Fernseheinnahmen. Logen, BusinessSeats, Werbebanden, verschiedene Sponsoringpakete sind bereits ausverkauft oder so gut wie ausverkauft. Ich bin seit 18 Jahren für die Eintracht tätig, ich kann mich nicht erinnern, dass dem Klub so viel Aufmerksamkeit und Anerkennung entgegen gebracht wurde. Nicht nur in Frankfurt. Die Choreographien und die leidenschaftlichen, emotionalen Auftritte in der Europa League haben der Eintracht eine Identität und Wahrnehmung verliehen, die sie so nie hatte. Früher wurde die Eintracht nie als zweiter Lieblingsklub genannt, diesmal haben wir es geschafft, sagt Hellmann.

Hellmann selbst, für den qua seines Amtes ein Hotelzimmer reserviert gewesen wäre, verzichtete trotz der verlockenden Tourismus-Angebote im Reich der Mitte auf einen Kurztrip und blieb stattdessen im verregneten Frankfurt. Grund: Zu viel zu tun. “Wir hatten eine Saison, die so viel zu bieten hatte, wie es manche Vereine nicht in fünf Jahren erleben.” Da muss erst einmal in Ruhe Bilanz gezogen und eine erste Inventur vorgenommen werden.

In der Europa League im Halbfinale, in der Bundesliga lange Zeit nah dran an Platz vier und der Champions League, dazu Sympathiebekundungen aus der ganzen Welt und Spieler, die sich für europäische Spitzenclubs empfohlen haben. “Wir hatten die höchste Zahl an Auswärtsfans in der Geschichte der Europa League, wir haben die höchste Zahl an verkauften Trikots in der Geschichte der Eintracht”, bilanzierte Hellmann. “Das war eine sehr gute Saison für Eintracht Frankfurt, wir sind auf allen Feldern gewachsen.”

Das Vorstandsmitglied erwähnt, dass aus dieser Spirale aus sportlichem und wirtschaftlichem Erfolg eine gewisse Fallhöhe entsteht. Denn mit dem Erfolg steigen nicht nur die Einnahmen, sondern auch die Ansprüche und damit die Ausgaben. Hellmann kündigte an, dass, falls hohe Ablösesummen generiert würden, nicht alles in Neuverpflichtungen fließe. Und das Gehaltsniveau solle nur moderat steigen. Dafür stehe sein für die Finanzen zuständiger Vorstandskollege Oliver Frankenbach. Er ist der Inbegriff solider Finanzplanung. Er wird mit allen Händen und Füßen auf der Bremse stehen, so Hellmann.

Fernab von den weichen Faktoren und dem Imagewandel vom Randale- zum Choreo-Meister hat die Eintracht aber auch finanziell enorm profitiert. Die einst chronisch klammen Vereinskassen sind voll wie nie. Die endgültige Abrechnung der UEFA, so Hellmann, lasse zwar noch auf sich warten. Das unerwartete Vorpreschen bis ins Semifinale und die magischen Europapokal-Abende gegen Inter, Lissabon oder den FC Chelsea werden insgesamt aber zwischen 30 und 40 Millionen Euro auf das Frankfurter Festgeldkonto spülen.

Für die Europacup-Heimspiele gibt es eine Neuerung. Um treue Fans bei der Vergabe der Tickets zu belohnen, bringt die Eintracht eine Europapokal-Dauerkarte heraus. Mit ihrem Erwerb erhält der Kunde Zugang zu jedem Heimspiel – von der ersten Qualifikationsrunde bis maximal zum Halbfinale, je nachdem wie weit die Eintracht im Wettbewerb kommt. Abgebucht wird vor jeder Begegnung. Hellmann kündigte an, dass die Preisgestaltung bei den internationalen Begegnungen mehr als familienfreundlich sei. Wir wissen, je stärker die Fanunterstützung, desto größer die Chance auf Erfolg.

Zusammen mit den Einnahmen aus der Bundesliga, die bei rund 140 Millionen Euro liegen, steigt der Umsatz auf mindestens 170 Millionen Euro. Das wäre ein Plus von 75 Millionen Euro zur Vorsaison. “In der Summe ist das der höchste Umsatz aller Zeiten”, so Hellmann. Anders formuliert: Die Eintracht schwimmt im Vergleich zu früheren Zeiten im Geld. Sollte noch der eine oder andere lukrative Spielerverkauf hinzukommen, könnte sogar die 200-Millionen-Euro-Marke fallen. Sphären, von denen die Hessen vor Jahren noch nicht einmal zu träumen wagten.

Die erste Qualifikationsrunde für die Europa League beginnt schon am 25. Juli, bis dahin ist vieles zu organisieren: Vermarktung, Ticketing, Merchandising. Nach der Saison ist vor der Saison, beschreibt der 47 Jahre alte Funktionär den Kreislauf des Fußball-Geschäftes. Die Mannschaft trifft sich nach dem Urlaub erstmals wieder am 1. Juli. Nach zweitägigen medizinischen Tests steht am 3. Juli die erste Trainingseinheit an. Vom 9. bis 13. Juli findet das erste Trainingslager in Biel in der Schweiz statt, das zweite vom 26. Juli bis 4. August in Windischgarten/Österreich.

Da Erfolg jedoch nicht nur sexy macht, sondern auch Begehrlichkeiten weckt, könnte es mit der allzu großen Romantik bald vorbei sein. Spieler wie Luka Jovic, Ante Rebic oder Sébastien Haller, das ist schon lange kein Geheimnis mehr, stehen auf den Wunschzetteln von Spitzenclubs wie Real Madrid oder Bayern München. Ein Verbleib des kompletten Trios gilt als ausgeschlossen, mindestens zwei der drei Topstürmer werden die Eintracht nach dem Abrutschen auf Platz sieben wohl verlassen. “Wir werden nicht jeden Spieler halten können, wenn Top-Clubs anklopfen”, so Hellmann.

Die Spielzeit 2018/19 brachte einen Zuschauerrekord. 49.700 Besucher kamen durchschnittlich zu den Bundesligaspielen, 48.000 waren es bei jedem der zehn ausverkauften Heimspiele in der Europa League. Die Sicherheitsbestimmungen der Uefa reduzieren die Kapazität von 51.500 Plätze um 3500. Inklusive des Supercups gegen die Bayern zum Pflichtspielstart strömten in dieser Spielzeit 1,37 Millionen in die Frankfurter Arena, so viele wie nie zuvor in einem Spieljahr.

Rein finanziell sei ein Verkauf der wertvollsten Ware zwar nicht nötig, rechnet Hellmann vor. “Rein aus wirtschaftlicher Sicht müssen wir keinen einzigen Spieler abgeben.” Bei den hohen Marktwerten des ebenso torgefährlichen wie umworbenen Sturmtriumvirats könne ein Verein wie Eintracht Frankfurt aber nicht auf Dauer standhaft bleiben. Heißt: Nach den Abgängen von Kevin-Prince Boateng, Marius Wolf, Lukas Hradecky und Omar Mascarell im vergangenen Sommer muss Trainer Adi Hütter auch in der kommenden Vorbereitung einen Umbruch moderieren. Neue Leistungsträger müssen her.

Verrückte Transfers und neureiches Getue werde es in Frankfurt aber nicht geben, betonte Hellmann. Geld ist nach dem Europa-League-Jackpot zwar genug da, ein klein wenig Heribert Bruchhagen steckt aber auch heute noch drin in der Eintracht-DNA. Selbst bei durchaus zu erwartenden Riesen-Transfererlösen werde es nur ein “Wachstum mit Augenmaß” geben. Der eingeschlagene Weg mit jungen und internationalen Talenten soll weitergeführt werden, für namhafte Stars ist die Eintracht die falsche Adresse. “Wir kennen alle die Geschichten der Clubs, die diesen Fahrplan verlassen haben und dann radikal einsparen mussten”, warnt Hellmann.

Dieser Zeitplan bestand schon, bevor die Eintracht im Saisonfinale auf dem siebten Platz eintrudelte, was die Programmerweiterung um die Europa-League-Qualifikation hervorrief. Nach sechs Begegnungen könnte dann die Gruppenphase erreicht sein. Nach den großen Belastungen brauchen die Spieler die Pause, so Hellmann. Manche Nationalspieler sind schließlich noch bis in die zweite Juni-Woche unterwegs.

Nach drei Jahren absoluten Highlight-Jahren mit DFB-Pokalfinale 2017, dem Pokalgewinn 2018 und der wilden Europa-Reise 2019 würde die Eintracht zur Abwechslung wohl auch mal eine etwas unspektakulärere Saison in Kauf nehmen, um sich auf Dauer in der oberen Tabellenhälfte festzusetzen und noch etwas länger von der abgelaufenen Spielzeit zu profitieren. Dosierte und gezielte Investitionen statt Panikkäufe. Und das Erreichte noch einen Moment genießen.

Geplant war es, dass Eintracht-Vorstand Axel Hellmann an diesem Dienstag gemeinsam mit der sportlichen Leitung und der Mannschaft nach China abhebt und an der Werbetour mit Zielrichtung asiatischer Markt für den Klub und die Bundesliga teilnimmt. Aber Hellmann verzichtet auf die Saison-Abschlussreise, die auch ein paar touristische Aspekte besitzt, um mit aller Kraft die neue Saison vorzubereiten.

“Diese Saison hat dem Club eine Wahrnehmung gegeben, die wir so wohl noch nie hatten. Wir bekommen Anerkennung von allen Seiten”, so Hellmann. “Das streichelt die Frankfurter Seele. Das tut einem Club gut.” Die Eintracht ist im Club der Schönen und Reichen angekommen. Jetzt muss sie es nur noch schaffen, auch dort zu bleiben.

Auch die Erlöse aus Sponsoring, Marketing und der TV-Vermarktung übertrafen alle bisherigen Bestmarken. So kündigte Hellmann einen Rekordumsatz der Eintracht von 170 bis 180 Millionen Euro an – ohne Transfererlöse. Und auf diesem Geschäftssektor könnte die Eintracht auch noch einen deutlichen Überschuss erzielen. Jovic, Haller und Rebic sind von einigen zahlungskräftigen Klubs umworben.

Die Eintracht wird den Umsatz nach der „sehr guten Saison“ auf mehr als 200 Millionen steigern.

Die Europapokal-Dauerkarten werden zuerst den Bundesliga-Dauerkartenbesitzern angeboten, dann den Vereinsmitgliedern, dann erst gehen sie in den freien Verkauf. Hellmann rechnet mit einem großen Interesse. In der K.o.-Phase konnten zuletzt viele Kartenwünsche nicht mehr erfüllt werden. Das Dauerkarten-Kontingent wird für die kommende Saison um 1000 auf 31.000 Karten erhöht.

Am Dienstagnachmittag hat sich Eintracht Frankfurt fast mit kompletter Kapelle auf ihre sechstägige Abschlussfahrt nach China gemacht. Gut zehn Stunden Flug und knapp 10 000 Kilometer später sind sie in Foshan gelandet, wo neben allerlei PR-Terminen, etwa in Hongkong, am Freitag ein Spiel gegen den VfL Wolfsburg (14 Uhr, live Sport 1) ausgetragen wird. Lediglich Evan Ndicka (Teilnahme an U20-WM), Sebastien Haller (Behandlung), Timothy Chandler (wird Vater) sowie die verletzten Sebastian Rode und Taleb Tawatha, dessen Kontrakt übrigens nicht bis 2019, sondern noch bis 2020 läuft, traten den Trip ins Reich der Mitte nicht an. Auch Marketingvorstand Axel Hellmann blieb zu Hause, und das hat unmittelbar mit dem Abschneiden der Profimannschaft zu tun. Denn der siebte Platz und die damit einhergehende Ochsentour durch Europa ab dem 25. Juli hat die Planungen nicht nur erschwert, sondern auch deutlich umfangreicher gemacht. „Wir müssen einige Dinge vorziehen.“

Der Eintracht wird nach dieser Saison so viel Anerkennung und Aufmerksamkeit zuteil wie noch nie. Und der sportliche Aufschwung mündet in einem Rekordumsatz von mehr als 170 Millionen Euro.

Dessen ungeachtet liegt nach Auffassung von Hellmann eine „sehr, sehr gute Saison“ hinter der Eintracht, er empfindet den siebten Rang als „eine gerechte, gute und faire Platzierung“. Natürlich könne er jene verstehen, die im ersten Augenblick geknickt waren, „weil die Hand schon an der Champions League war“, andererseits entsprachen die ersten vier Spiele und die letzten sechs eher dem Niveau eines Abstiegskandidaten, die 24 dazwischen allerdings dem eines Meisterschaftsanwärters. Und die gesamte Saison wurde eingerahmt von zwei Spielen gegen Bayern München, in der Eintracht Frankfurt jeweils fünf Tore kassierte, im Supercup 0:5, im 34. Bundesligaspiel 1:5. Zudem müsse man feststellen, dass es am Ende „wieder einen Leistungseinbruch gegeben“ habe. Warum dies zum wiederholten Male so sei, darüber mache sich die Sportliche Leitung Gedanken. „Dafür werden sie gut bezahlt“. Insgesamt, so der Marketingvorstand, „kann ich mit dem siebten Platz gut leben.“

Hellmann kann deswegen so gut leben damit, weil die Hessen ansonsten „alle Vögel abgeschossen haben, die es gibt“: Das Umsatzvolumen wurde auf noch nie erreichte 170, vielleicht sogar 180 Millionen Euro gesteigert, alles ohne Transfererlöse. 35 bis 40 Millionen stammten davon aus den europäischen Auftritten. Mit diesen 170, 180 Millionen, mit „denen wir eine Umsatzschallmauer durchbrechen“, befände sich Eintracht Frankfurt im Ranking innerhalb der Liga auf einem „fünften, sechsten Platz“ – extern bezuschusste Klubs wie RB Leipzig oder den VfL Wolfsburg klammerte Hellmann explizit aus. Mit Transfererlösen sei für die Eintracht selbst ein Umsatzvolumen von 200 Millionen Euro und mehr keine Überraschung. Dazu wurde der Zuschauerschnitt auf 49 700 erhöht, die größte Anzahl an Trikots in der Vereinsgeschichte verkauft, fuhren in Europa am meisten Fans zu den Auswärtsspielen. „Wir wachsen auf allen Feldern“, jubelt Hellmann, Logen, Business-Seats, Bandenwerbeflächen – alles wird ausverkauft sein. Dazu hat sich die Eintracht, die inzwischen 75 000 Mitglieder zählt, dank ihrer furiosen Europapokalnächte zum „Zweitlieblingsklub“ vieler Menschen gemausert, auch solch weiche Faktoren „streicheln die Frankfurter Seele, wir waren in den zurückliegenden Jahrzehnten ja nicht auf einer Welle der Anerkennung und der Erfolge unterwegs“.

Mit 73 Millionen Euro TV-Geld kann der Klub in der neuen Saison rechnen, in der TV-Tabelle steht die Eintracht auf Platz acht, hat Berlin und Bremen überholt, Schalke ist knapp davor. „Wir sind ein kerngesunder, starker Verein“, sagt Hellmann, „aus wirtschaftlichen Gründen müssen wir keinen einzigen Spieler verkaufen“. Dass die Eintracht das, wie wahrscheinlich im Fall Luka Jovic, dennoch macht, ist den Begehrlichkeiten der Topklubs geschuldet. Wer die Chance habe, acht, neun, zehn Millionen Euro zu verdienen, der sei nicht zu halten. Diese Saison werde man, so oder so, „mit einem ordentlichen Gewinn abschließen“, sagt Hellmann.

Er verspricht zudem, auch die Qualifikationstour durch Europa ernstzunehmen. „In Poloshirt und Hawaiihemd wird keiner kommen.“ Eher wieder im eigens angefertigten Europacup-Anzug. Diese Ernsthaftigkeit, diese Symbolik habe sich auf die Mannschaft übertragen. Er glaubt zudem nicht, dass sich bei der Anhängerschaft eine gewisse Übersättigung einstellen wird, im Gegenteil: „Das Ding geht durch die Decke.“ Er geht davon aus, dass das Stadion selbst in der Ferienzeit nahezu voll sein wird. Dazu wird die Eintracht nicht nur die Zahl der Dauerkarten um 1000 auf 31 000 erhöhen, sondern zudem eine spezielle Europapokal-Dauerkarte ab Mitte Juni auflegen. Und dass sie ab Mitte September erneut in der Gruppenphase für Furore sorgen wird, davon geht Hellmann fest aus: „Ich kann mir ein Ausscheiden nicht vorstellen. Wir können nur an uns selbst scheitern.“