Was für eine hollywoodreife Geschichte. “Geschaaaaaaaaaaaaaaffffffffttttt!!!!!! Erste Bundesliga 2016/2017!” Das twitterte die Eintracht im Mai vor zwei Jahren. Trainer Niko Kovac musste im Relegationsrückspiel gegen Nürnberg auf Marco Russ verzichten. Er fehlte gelbgesperrt und dennoch drehte sich alles um ihn.

Wenige Tage zuvor wurde Russ mit Krebs diagnostiziert. 22 Monate später köpft er zur 2:1-Führung gegen Köln ein. Inmitten der Drangphase der Geißböcke bringt Russ sein Team wieder auf Kurs – es ist die Geschichte des 22. Bundesliga-Spieltags.

Spitze in der Breite: Großer Eintracht-Kader hilft sehr

Nach überstandenen Fersenproblemen kehrte Russ unter der Woche im Pokal in die Frankfurter Startelf zurück und war sofort die Zuverlässigkeit in Person. Am Wochenende bestätigte sich dieser Eindruck – zum Leidwesen der Kölner Offensivabteilung.

Russ putzte als Teil der Dreier-Abwehrkette alles raus. Der 32-Jährige gewann beeindruckende 72,7 Prozent seiner Zweikämpfe, in der Luft war Russ nahezu unschlagbar, wie er bei seinem eigenen Treffer unter Beweis stellte.

Frankfurt/Main (dpa) – Marco Russ genoss den besonderen Moment in vollen Zügen. Erstmals nach seiner Krebserkrankung konnte der Abwehrspieler von Eintracht Frankfurt beim 4:2-Sieg gegen Schlusslicht 1. FC Köln wieder ein eigenes Tor bejubeln – das 24. im 294. Bundesligaeinsatz.

Russ glücklich über erstes Tor nach Krebserkrankung

Russ’ Defensivqualitäten sind nicht unbekannt. Doch was der 1,90-Meter-Hüne mit dem Ball am Fuß zeigte, macht Appetit auf mehr und verstärkt die Hoffnungen in der Main-Metropole, im kommenden Jahr international zu spielen. Bei Instagram gab sich Frankfurts Abwehrchef anschließend kleinlaut: “Kicken kann ich nicht, aber Kopf geht.”

Dessen Karriere schien schon beendet, als er im Mai 2016 die niederschmetternde Krebsdiagnose erhielt. Aber Aufgeben war für Russ keine Option. Er kämpfte sich durch die Chemotherapie und ins Team zurück. Im Februar 2017 gab er sein emotionales Comeback.

Doch das stimmt nicht ganz. Russ agierte wie ein Quarterback, spielte Traumpässe mit beeindruckender Selbstverständlichkeit und Präzision. Gefühlt jeder Angriff der Frankfurter hatte seinen Ursprung bei Russ. Mit 84 Ballaktionen war der Verteidiger Dreh- und Angelpunkt der Kovac-Elf.

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1. Tor nach Krebs-OP: Fußballer Marco Russ ist wieder da!

Plötzlich Schlüsselfigur im Rennen um EuropaWenn Russ dieses Niveau halten kann, ist er ein wichtiger Faktor für den großen Traum von Europa. Russ ist nicht mehr nur ein grundsolider Verteidiger, sondern plötzlich Schlüsselfigur im Frankfurter Spiel.

Masse, Klasse und Zöpfchen

“Wir müssen aber weiter den Ball flach halten und hart arbeiten, um oben dran zu bleiben”, analysierte er nüchtern. “Es ist ganz eng oben in der Tabelle, aber je länger wir oben dabei bleiben, desto größer ist die Hoffnung, dass am Ende ein internationaler Startplatz für uns herausspringt”, sagte Russ nach seiner Fabelleistung.

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Aktuell steht die Eintracht auf Rang vier. In den kommenden vier Wochen warten unter anderem RB Leipzig und Borussia Dortmund auf die Adler – richtungsweisende Spiele, in denen die Eintracht ihr volles Potenzial ausschöpfen muss. So wie es Russ gegen Köln getan hat.

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Führt Quarterback Russ sein Team nach Europa? Es wäre die Vollendung des Märchens. Fakt ist: Mit Russ hat Frankfurt in dieser Saison noch kein Spiel verloren. Vielleicht bekommt “Geschaaaaaaaaaaaaaaffffffffttttt” in diesem Mai eine ganz andere Bedeutung.

* Ich habe die Allgemeinen Geschäftsbedingungen gelesen und akzeptiere sie.

Premierentreffer: Simon Falette (rechts) bejubelt sein Tor zum 3:1, Ante Rebić freut sich mit. Bild: Imago

Die Eintracht zieht Kraft aus ihrer Flexibilität und steuert mit Selbstbewusstsein in eine Zukunft, die aus der Spielzeit eine „super Saison“ machen kann.

Abpfiff, geschafft, die Frankfurter Eintracht besiegt den 1. FC Köln mit 4:2 – auch dank einer bärenstarken Leistung von Frankfurts Mann mit dem Zöpfchen. Marco Russ zählt in dieser Saison keineswegs zu den Stammkräften unter Niko Kovac. Vertrauen kann der Trainer dem Innenverteidiger dennoch. Immer wenn Russ gebraucht wird, ist er da. Zehnmal darf der 32-Jährige bisher in der Bundesliga auflaufen, das Spiel gegen die Kölner ist sein bestes. Hinten räumt der gebürtige Hanauer alles ab. Immer wieder liefert er sich kernige Zweikämpfe mit den Kölner Stürmer-Kanten Jhon Cordoba und Simon Terrode. Aus 80 Prozent der direkten Duelle geht er als Sieger hervor – ein herausragender Wert.

Der Franzose Simon Falette, der beim 4:2-Heimerfolg über den 1. FC Köln zum ersten Mal als Eintracht-Torschütze in Erscheinung getreten war, hat am Samstag nach dem Bundesliga-Spiel zu Ende gedacht. In den verbleibenden zwölf Liga-Spielen erwartet der Abwehrspieler für die Frankfurter einen „spannenden Saisonschlussspurt“. Ein Fußball-Finale, dessen Konturen für Bruno Hübner schon erkennbar sind und die in ihm große Vorfreude auf das Kommende wecken. „So, wie unsere Mannschaft momentan auftritt, wird sie sich die Chance nicht nehmen lassen“, betonte der Eintracht-Sportdirektor. „Die Spieler wollen aus einer guten Saison eine super Saison machen.“

Es ist sein erstes Tor in dieser Saison und – noch viel bedeutender – sein erster Treffer seit der mittlerweile glücklicherweise ausgestandenen Krebserkrankung. Nach der niederschmetternden Diagnose im Mai 2016 hat Russ einen langen Weg vor sich. Er kämpft sich mit Hilfe seiner Ex-Frau Nina, der Mutter seiner beiden Kinder, die ihn auch am Samstag im Stadion unterstützt, durch die Chemotherapie. Er ackert sich durch die Reha, er bolzt Kondition und schafft es schließlich zurück in den Kreis der Mannschaft. „Ich habe im April 2016 das letzte Mal getroffen, das war vor meiner Krankheit. Es ist schön“, sagt er.

Aktuell stehen die Höhenflieger aus Hessen mit 36 Punkten und Platz vier auf einem respektablen Champions-League-Rang. Gewinnen die Frankfurter auch ihr Montagsspiel am 19. Februar (20.30 Uhr) zu Hause gegen Leipzig, würden sie den Tabellenzweiten um einen Punkt übertreffen. Rosige Aussichten aus der Außenseiterrolle heraus.

Am Samstag wagte Axel Hellmann einen kurzen Rückblick. Und bewies damit wiederum Weitsicht. Das Vorstandsmitglied der Eintracht Frankfurt Fußball AG verglich die beiden jeweils erfolgreichen Auftritte der Hessen in der Hin- und Rückrunde gegen Köln miteinander. Im Hinblick auf die spielerische Entwicklung der Eintracht sei das aber „ein Unterschied wie Tag und Nacht“ gewesen, lobte Hellmann die formidable Entwicklung. „Das ist schön zu sehen. Mal schauen, wie weit uns jetzt die Füße in der Rückrunde tragen.“

Frankfurt – Ein letzter hoher Ball, ein letztes Mal drischt Marco Russ die Kugel weit in die gegnerische Hälfte. Er schaut zum Schiedsrichter und streckt beide Arme in die Luft. Von Daniel Schmitt

Sportlich marschiert die Eintracht mit strammem Schritt nach vorne. Selbst der Ausrutscher in Augsburg (0:3) hat die Mannschaft nicht umgehauen. Auf einigen Positionen neu sortiert, fand sie im DFB-Pokal (3:0 gegen Mainz 05) und in der Liga zu alter Geschlossenheit zurück. Mehr noch: Die Frankfurter haben der Konkurrenz eindrucksvoll demonstriert, wie gut ihr Kader in diesem Spieljahr auch in der Breite aufgestellt ist. Ein Signal der Stärke: Cheftrainer Niko Kovač konnte es sich erlauben, auf fünf aktuelle und ehemalige Nationalspieler (Marco Fabián, Carlos Salcedo, Mijat Gaćinović, Gelson Fernandes und Jetro Willems) sowie seinen Torjäger Sebastien Haller in der Startformation gegen Köln zu verzichten. „Die Mannschaft hat viel Qualität – und nicht nur die erste Elf“, begründete Kovač sein wechselndes Personaltableau.

Nun melden Spieler aus der zweiten Reihe wie Marco Russ und Danny da Costa Ansprüche an. Es war kein Zufall, dass dem Verteidiger Russ der Kopfballtreffer zum 2:1 (59. Minute) gelang. Mit ihm rundete Russ seine starke Leistung ab. Sein letztes Erfolgserlebnis hatte er im April 2016, das war vor seiner Krebserkrankung. „Wir standen von der ersten Minute an auf dem Gaspedal“, sagte Russ. Als Abwehrspieler zur Abteilung Attacke gehörte diesmal auch Falette, der das 3:1 (65.) erzielte. „Es wurde auch Zeit, dass die Verteidiger dran sind“, sagte er. „Es war nicht das schönste Tor, aber es zählt für die Punkte.“

Ein Schönheitsfehler beim Torschuss? Die Eintracht-Profis haben im Februar 2018 ob ihrer positiven Entwicklung gut reden. Die Mannschaft ist trotz des großen Konkurrenzkampfes eine Einheit, die unbeirrt Kurs hält. Das Selbstbewusstsein der Spieler ist mittlerweile so groß, dass sie sich von Rückschlägen nicht beeindrucken lassen. „Sie glauben in jeder Sekunde an den Sieg. Sie wissen, was sie können und was sie leisten – und das Ergebnis gibt ihnen recht.“ Kovač hat seine Profis so variabel auf- und eingestellt, dass sie jederzeit situationsbedingt auf den Gegner reagieren können. Flexibilität ist Trumpf. Und: „Die Automatismen auf dem Platz greifen immer mehr, so dass dabei gar nicht mehr groß nachgedacht werden muss“, sagte der Trainer. Vieles ist seinem Team ins Blut übergegangen, es ist fleißig und lernwillig. Und manchmal klappen die Dinge jetzt sogar von allein. Zwei der vier Eintracht-Tore gingen Standardsituationen voraus. Mit grinsendem Gesicht merkte Kovač an, dass man Standards in der zurückliegenden Trainingswoche nicht geübt habe. Diese gehörten bisher nicht zu den Frankfurter Paradedisziplinen.

In herausragender Verfassung präsentierte sich Marius Wolf. Der Aufsteiger der Saison, dessen Formkurve weiter steil nach oben zeigt. Wolf hier, Wolf da: An allen Treffern war der vielseitige Profi, der im offensiven Mittelfeld aufgeboten wurde, beteiligt. Nachdem er mit zwei Freistößen die Torvorlagen für Russ und Falette gegeben hatte, traf der 22-Jährige zum 4:1 (67.) selbst. „Wolf ist richtig gut drauf. Da kann man nur happy sein“, sagte Sportvorstand Fredi Bobic.

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Große Frankfurter Glücksgefühle: Alle Tore gegen die Kölner, für die Simon Terodde zweimal (57./Foulelfmeter und 74.) erfolgreich war, fielen in der zweiten Halbzeit innerhalb von knapp acht Minuten. Das war Ausdruck geballter Eintracht-Power. „Die Mannschaft hat richtig viel Potential“, sagte Kovač. „Sie hat Potential nach oben.“ Jetzt, wo vieles so gut zusammenpasst und harmoniert, sieht Hübner die Frankfurter in einem „kleinen Flow“. Das Bobic die Mannschaft, die bis Mittwochnachmittag freibekommen hat, dazu aufforderte, „weiter an der Punktausbeute zu schrauben“, scheint gar nicht nötig zu sein. „Man darf nie zufrieden sein“, sagte Wolf. „Sonst kommst du nicht weiter.“

Nach einem kurzen Rückschlag setzt die Eintracht ihren Vormarsch in der Bundesliga fort. Der Kölner Auftritt dagegen ist zweitklassig. Nach dem Ausgleich bricht der FC ein und kassiert drei Tore in kurzer Zeit.

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