Duisburger Stadtwerke sind provokant auf Kundenfang in Essen
Gas- und Strompreis steigen: Ältere zahlen mehr, weil Jüngere wechseln
DOCH: Während viele Kunden über Vergleichsportale in Billig-Tarife wechseln, heben die Strom-Konzerne für die Nicht-Wechsler (Grundversorgung) an!

Nicht-Wechsler sind die doppelten Verlierer! Sie nehmen das Spar-Potenzial nicht wahr und werden zusätzlich benachteiligt, weil für sie die Preise steigen, sagt Strom-Forscher Professor Uwe Heim (Uni Mannheim). Betroffen sind vor allem ältere Menschen, die weniger vertraut mit dem Internet und Preisvergleichsseiten sind.

Soweit so normal. Allerdings fällt momentan die Werbung der Stadtwerke Duisburg auf, die gezielt und somit recht aggressiv Kunden aus Essen ansprechen. So sehen Facebook-Nutzer mit Wohnort Essen derzeit ein Werbeposting der Stadtwerke Duisburg AG, die diese zu deren Online-Marke Rheinpower locken will. Die Anzeige zeigt ein gelbes Ortseingangsschild von Essen und ist überschrieben mit Teure Energie für. Für Betrachter drängt sich unweigerlich der Eindruck auf, dass die Botschaft vor allem an die Adresse von Kunden des lokalen Versorgers, der Stadtwerke Essen, gerichtet ist. Diese sind zumindest beim Gas im Stadtgebiet der Platzhirsch, beim Strom trifft dies eher auf die RWE-Tochter Innogy zu.

Warum Strom und Gas 2019 so teuer werden | OWL

Für rund 1,8 Millionen Haushalte wird das Heizen teurer. Laut dem Vergleichsportal Check24 haben 244 Grundversorger die Gaspreise raufgesetzt.

Gas wird auch in der Region teurer

Ein Single (7000 Kilowattstunden/Jahr) zahlt 2019 im Schnitt 510 Euro – plus 31 Euro. Eine Familie (20 000 Kilowattstunden) kommt auf 1250 Euro – plus 87 Euro. Auch beim Gas zogen die Einkaufskonditionen für die Versorger an. Sie kletterten von März bis Oktober um 50 % (Verivox).

Die Werbung der Stadtwerke Duisburg ist freilich rechtens. Aber ist es auch die feine Art, wenn ausgerechnet ein kommunales Stadtwerk im Gebiet des benachbarten Stadtwerkes derart offensiv auf Kundenjagd geht? Bei den Duisburger Stadtwerken heißt es, die Kampagne laufe derzeit nicht nur in Essen sondern in mehreren Städten, aber schon eher regional. Ein Sprecher rechtfertigt die Kampagne außerdem damit, dass nach den angekündigten Preiserhöhungen der Wettbewerber doch viele Versorger derzeit intensive Marketingaktivitäten starten würden, um Kunden anzusprechen.

Tipp: Verbraucher, denen in diesen Tagen eine Preiserhöhung bei Strom oder Gas mitgeteilt wird, sollten zu einem günstigeren Anbieter wechseln.

Vor einigen Jahren allerdings hatten auch die Stadtwerke Essen ihren Vertrieb in die Nachbarstädte ausgedehnt, aber auch recht schnell wieder eingestellt. Fakt ist, dass es für Versorger generell meist erstmal teuer ist, neue Kunden zu werben. Denn die meisten locken im ersten Jahr des Vertragsabschlusses mit Wechselprämien und Neukunden-Boni. Das tun auch die Duisburger im aktuellen Fall.

Fast die Hälfte der Grundversorger (389 von 822) erhöht zum Jahreswechsel die Preise, erklärt das Vergleichsportal Verivox. Betroffen sind rund vier Millionen Haushalte.

Das Kalkül der Versorger liegt auf der Hand: Wenn möglichst viele Kunden über das erste Jahr hinaus weiter Kunden bleiben, dann beginnen sich die Boni-Kosten zu rechnen, denn meist steigen anschließend die Tarife. Allerdings sind die deutschen Energiekunden eher träge, wenn es um einen Wechsel geht. Viele vergessen, sich rechtzeitig nach einem neuen Versorger umzuschauen.

Laut den Enet-Energiepreisdaten zahlt ein Single-Haushalt (Verbrauch von 1500 Kilowattstunden/Jahr) künftig im Schnitt 477 Euro – plus 22 Euro. Eine Familie (4000 Kilowattstunden) muss mit 1087 Euro rechnen – plus 40 Euro.

Grund für die Steigerungen sind die höheren Einkaufspreise der Versorger. Sie sind im Laufe des Jahres um ein Viertel gestiegen. Steuern, Abgaben und Netzentgelte bleiben dagegen im kommenden Jahr stabil.

Dass Energieunternehmen um neue Gas- und Stromkunden buhlen, ist nichts Neues. Schließlich ist der Markt seit Jahren liberalisiert. Vor allem im Herbst, wenn viele Versorger wieder Preiserhöhungen ankündigen, ist die Chance für andere groß, Kunden zum Anbieterwechsel zu bewegen.

Trotz des sinkenden Ölpreises (knapp 60 Dollar/159 Liter) zahlen Autofahrer derzeit an der Zapfsäule Spitzenpreise. Zuletzt war Benzin vor vier Jahren teurer.

Auch die Stadtwerke Essen hatten vor einigen Wochen bekanntgegeben, dass sie den Gaspreis zum 1. Januar 2019 erhöhen werden. Kunden des Tarifes Essen Gas zahlen dann etwa neun Prozent mehr fürs Gas der Stadtwerke. Eine Vorlage für Wettbewerber.

Ein Liter Super kostete im Oktober im Schnitt laut ADAC 1,51 Euro, Diesel 1,39 Euro. Einer der Gründe für die hohen Preise sind die Versorgungsengpässe durch das Niedrigwasser im Rhein (BILD berichtete).

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Zur gleichen Tendenz – wenn auch im Detail mit anderen Daten – kommt das Vergleichsportal Verivox aus Heidelberg. Es hat 224 von 710 Grundversorgern gefunden, die ihre Preise um durchschnittlich 7,7 Prozent anheben. Am höchsten fallen demnach die Preissteigerungen mit 13 Prozent in Rheinland-Pfalz aus, aber auch in Brandenburg (9,5 Prozent) und Niedersachsen (10,1 Prozent) sei ein hohes Plus zu verzeichnen. Ganz vereinzelt haben Versorger nach Angaben der Portale die Preise gesenkt.

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Die Ursachen für den Anstieg der Gaspreise sind nicht eindeutig. Einfluss hatte wohl der Ölpreisanstieg im Laufe des Jahres, auch wenn es eine unmittelbare Kopplung beider Preise nicht mehr gibt. Auch die Trockenheit im Sommer soll dazu beigetragen haben, weil nicht mehr so viel Kohle über die Flüsse transportiert werden konnte und deshalb zum Teil mehr Energie aus Gas gewonnen wurde sowie leere Speicher aufgefüllt werden mussten.

Berlin. Es ist schon fast ein Ritual. Wenn sich das Jahresende nähert, verschicken die Versorgungsunternehmen Briefe. In den meisten Fällen wird den Kunden mit relativ freundlichen Worten erläutert, dass sie im nächsten Jahr mehr für Energie zahlen sollen. Für 2019 trifft es die Haushalte besonders hart. Sowohl beim Gas als auch beim Strom gibt es kräftige Aufschläge.

"Die Einkaufspreise für Erdgas sind zuletzt stark gestiegen", sagte Verivox-Energieexperte Mathias Köster-Niechziol. Die Einfuhrpreise für Erdgas, die vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle erfasst werden, sind in den vergangenen beiden Jahren um rund 40 Prozent nach oben gegangen – vor allem in diesem Jahr sind die Preise deutlich gestiegen.

Die Aufschläge bei der elektrischen Energie pendeln sich im Durchschnitt zwischen vier und fünf Prozent ein – mit regional massiven Unterschieden. Beim Gas waren die Preise fünf Jahre lang weitgehend stabil. Laut Verbraucherportal Verivox haben bereits 224 der 710 Grundversorger für Dezember und Januar Preiserhöhungen von durchschnittlich 7,7 Prozent angekündigt. Für das Beheizen eines durchschnittlichen Einfamilienhauses steigen damit die Kosten 2019 um knapp 100 Euro.

Die Kunden der Stadtwerke Neuenstadt profitieren von langfristigen Lieferverträgen, heißt es dort. Sie können daher bis auf weiteres zu den momentanen Preisen ihr Gas beziehen. Bei den Stadtwerken Lauffen werde es wohl im März eine Preiserhöhung geben – der Aufsichtsrat müsse noch entscheiden, wird berichtet. Der Versorger Süwag verzichtet auf eine Erhöhung.

In fast allen Mitteilungen weisen Stadtwerke ihre Kunden darauf hin, dass sich die Großhandels- und Einkaufspreise an in den vergangenen Monaten deutlich erhöht hätten und dass man die daraus resultierenden höheren Kosten weitergeben müsse.

Was niemand bestreitet: Ein Stadtwerk, das sich jetzt die Stromlieferung fürs nächste Jahr sichern will, muss an der Börse rund 50 Euro pro Megawattstunde (fünf Cent pro Kilowattstunde) zahlen. Zu Jahresbeginn waren es noch 37 Euro.

Im Durchschnitt belaufen sich die Erhöhungen demnach auf 8,4 Prozent. Für einen Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden bedeutete das Mehrkosten von 111 Euro im Jahr. "Gas wird im Jahr 2019 spürbar teurer", sagte Check24-Geschäftsführer Oliver Bohr. "Grund sind vor allem die höheren Beschaffungskosten."

Was ist passiert? Mehrere Faktoren sind in den vergangenen Monaten zusammengekommen. Gas und der Brennstoff für Kohlekraftwerke haben sich deutlich verteuert – beide folgen im Groben den Notierungen für Rohöl. Die Referenzsorte hat sich zwischen Januar und Anfang Oktober um fast ein Drittel auf 86 Dollar pro Fass (159 Liter) verteuert. Die Betreiber von Kohlekraftwerken mussten zudem für CO2-Emissionszertifikate deutlich tiefer in die Tasche greifen. Außerdem schlage die extreme Trockenheit im Sommer durch, sagt Carlos Perez Linkenheil vom Berliner Beratungs- und Analysehaus Energy Brainpool. „Nachbarländer wie Österreich können mit Wasserkraft deutlich weniger Strom erzeugen. Deshalb exportiert Deutschland mehr Strom. Das verknappt hierzulande das Angebot und treibt den Strompreis in die Höhe.” All dies wiege erheblich schwerer als die leichte Absenkung der Umlage für die Erneuerbaren Energien.

Bei den Gaspreisen herrschte für die Verbraucher lange Zeit Ruhe – mehrere Jahre gingen sie leicht zurück. Nun dreht sich der Wind. Das könnte auch am vergangenen Sommer liegen. Rund 1,8 Millionen Haushalte in Deutschland werden im nächsten Jahr eine höhere Gasrechnung erhalten.

Auch beim Gas zeigt der Extremsommer seine Spätfolgen. Die niedrigen Wasserstände des Rheins und anderer Flüsse haben dazu geführt, dass Kohlekraftwerke per Schiff nur mit beschränkten Mengen des Brennstoffs beliefert werden können. Gaskraftwerke müssen einspringen. Die kurzfristige höhere Nachfrage hat die Preise nach oben getrieben. Aber auch langfristig steigt der Bedarf, weil vor allem die Industrie verstärkt auf das umweltfreundlichere Erdgas setzt. Zudem verschiebt sich das Koordinatensystem am globalen Gasmarkt. Russland verkauft mehr nach Asien – so hat sich das Angebot verknappt.

Dass nicht noch viel mehr Versorgungsunternehmen ihre Preise erhöhen, ist auf langfristige Lieferverträge vor allem mit Russland zurückzuführen. "Die Gasversorger haben ganz unterschiedliche Einkaufsstrategien und Lieferverträge", hieß es bei Verivox.

Die Einfuhrpreise für Erdgas sind laut Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle in den vergangenen zwei Jahren um 40 Prozent gestiegen. Viele Versorger sehen sich gezwungen, die höheren Kosten an ihre Kunden weiterzugeben”, sagt Verivox-Experte Mathias Köster-Niechziol. An den Spotmärkten, wo sich Versorger kurzfristig eindecken, sind die Preise zuletzt exorbitant in die Höhe geschossen. Da sind Spekulanten am Werk, die auf einen kalten Winter und Versorgungsengpässe wetten.

Linkenheil betont indes, dass man auch bei den Strompreiserhöhungen prinzipiell davon ausgehen könne, dass sie „nicht ganz grundlos” seien. „Allerdings relativiert sich dies dadurch, dass die Unternehmen nicht erst jetzt ihren gesamten Strom für das nächste Jahr kaufen, sondern sich in der Vergangenheit in der Regel einen größeren Teil ihres Bedarfs zu günstigeren Preisen gesichert haben”, so der Berliner Energieexperte.

Genau aus diesem Grund kritisiert Thomas Engelke vom Verbraucherzentrale Bundesverband die Preispolitik der Versorger: Jetzt werde mit gestiegenen Großhandelspreisen an der Strombörse argumentiert. „Als die Großhandelspreise vor Jahren dagegen deutlich nachgaben, wurden Absenkungen nicht sofort an die Privatkunden weitergegeben”, so Engelke. Und weiter: „Viele Versorger haben selbst langfristige Verträge abgeschlossen, daher sind die angekündigten kurzfristigen Strompreiserhöhungen so nicht nachvollziehbar.”