Lesung in Erfurt: Genosse Thilo und die statistische Anomalie - DIE WELT
Thüringen: Spalten mit Sarrazin
Der erfolgreichste deutsche Sachbuchautor der Gegenwart kommt nicht allein ins Erfurter Steigerwaldstadion. Bevor Thilo Sarrazin den Parksaal betritt, in dem etwa 550 Menschen auf ihn warten, haben sich mehrere Personenschützer im Fußballfeldgroßen Raum postiert. Sarrazin hat in den vergangenen neun Jahren über zwei Millionen Bücher verkauft, aber für seine Bekanntheit, seinen Erfolg, seine Lust am peniblen Widerspruch, zahlt er einen hohen Preis. Er wird bedroht, offen, anonym, frei bewegen kann er sich nicht mehr.

Fast drei Dutzend Lesungen hat Sarrazin in diesem Jahr schon hinter sich gebracht, in denen er sein im vergangenen Jahr erschienenes Buch Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht präsentiert. Doch die Lesung in der thüringischen Landeshauptstadt am Mittwochabend fällt aus dem üblichen Rahmen. Denn Sarrazin, gegen den inzwischen das dritte Parteiausschlussverfahren in der SPD läuft, ist von einem Sozialdemokraten eingeladen worden.

Helmerich selbst geht nach der jüngsten Kritik an ihm in den Angriffsmodus. “Diese Kritik kommt von linksradikalen Kräften. Für die bin ich ein Störenfried”, so der studierte Jurist. Diesen Linksradikalen sei es auch egal, ob die SPD Mitglieder verliere. Die wollten nur ihre eigenen Leute in der Partei positionieren. Die Partei drohe dadurch kaputt zu gehen. Helmerich will dagegen nach eigenen Angaben die Probleme ansprechen, über die auch die Mehrheit der Gesellschaft diskutieren wolle. Wie etwa Ausländerkriminalität, Wohnungsnot oder die Dieselproblematik. Den Vorwurf, der SPD zu schaden, weist der 59-jährige zurück. Die SPD habe schon längst Schaden erlitten, viele Menschen aus der Mitte der Gesellschaft hätten sich von der Partei abgewandt.

Es sei einiges unternommen worden, um diese Veranstaltung zu verhindern eröffnet der Gastgeber den Abend um Punkt 19.00 Uhr. Als Ende März bekannt wurde, dass der sozialdemokratische Stadtrat und Landtagsabgeordnete Oskar Helmerich ausgerechnet den SPD-Außenseiter Sarrazin zu einer Wahlkampfveranstaltung einladen würde, ging die Thüringer Parteiführung sofort auf Distanz. Trotz großen Drucks sagte Helmerich den Termin nicht ab. Ideologischer Bevormundung muss man die Stirn bieten!, ruft er in den Saal und erntet Applaus. Dann ruft jemand: Verräter!.

Jetzt hat Helmerich nach Ansicht einiger Sozialdemokraten aber noch eins drauf gesetzt: er ließ im Erfurter Wahlkampf Plakate aufhängen mit der Forderung “Kein Bleiberecht für Gefährder”. Nach Ansicht der SPD im Weimarer Land offenbart Helmerich damit eine rechtspopulistische Haltung, die in der SPD nichts zu suchen hat. Der Kreisverband fordert ihn daher zum Parteiaustritt auf. Unter anderem heißt es in dem Schreiben des Kreisverbands an Helmerich: “Dieses rechtspopulistische Gefasele von Gefährdern, die abgeschoben werden sollten, lassen die ebenso unvergorenen wie unreflektierten Grundbestände Ihrer AfD-Gesinnung erkennen, die Sie nie überwunden haben, auch wenn Sie versuchen, sie unter dem Deckmantel der SPD zu camouflieren.”

Bevor Helmerich vor drei Jahren in die SPD eintrat, war er ein führendes Mitglied der Thüringer AfD. Er verließ die Partei, weil er den rechtsradikalen Kurs von Björn Höcke nicht länger mittragen wollte. Mit der AfD verbindet ihn seitdem eine innige Feindschaft, wie auch der Zwischenruf zeigt. In der SPD halten ihn dagegen manche für ein U-Boot der AfD und fordern, er möge die Partei verlassen. Helmerich, der Gastgeber, sitzt politisch zwischen allen Stühlen. Aber heute Abend geht es nicht um ihn. Die Bühne gehört Sarrazin. Seinetwegen haben die Gäste 24 Euro Eintritt bezahlt, jetzt muss er auch liefern.

Oskar Helmerich macht sein eigenes Ding. Ohne sich mit seinen sozialdemokratischen Genossen abzusprechen. Das tat er schon Ende März, als er den wegen seiner Islam-Kritik umstrittenen Thilo Sarrazin für den kommenden Mittwoch zu einer Lesung nach Erfurt einlud. “Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht” – so der Titel von Sarrazins Buch. Die Aktion Helmerichs sorgte schon damals in der Thüringer SPD für helle Aufregung. Und ein Teil der Jusos forderte seinen Parteiausschluss. In der Landtagsfraktion musste sich Helmerich gegenüber seinen Kollegen rechtfertigen. Mehr geschah aber nicht.

Und das tut er. Sarrazin beklagt gleich in seinem Eingangsreferat, dass die Politik in Deutschland inzwischen nur noch verdrängt, was man nicht sehen will. Kaum ein Kritiker hätte sein Buch wirklich gelesen, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk komme er, Sarrazin, gar nicht mehr vor. Noch nie sei eine einzige Aussage von mir rechtlich angegriffen worden sagt er weiter, um dann zum eigentlichen Thema des Abends zu kommen: Der Islam.

SPD-Landesarteichef Wolfgang Tiefensee versucht, in dem erneuten Streit um Helmerich zu beschwichtigen. Ebenso wie schon Ende März, als die Sarrazin-Einladung publik wurde, weist Tiefensee auch jetzt Forderungen nach einem Parteirausschmiss zurück. “Ich halte nichts davon, bei offenkundig divergierenden Meinungen innerhalb der Partei sofort einen Parteiausschluss zu diskutieren”, so der Parteichef – wohl auch im Wissen, dass die Regierungskoalition auf die Stimme des Ex-AfD-Mannes angewiesen ist. Denn Helmerich sorgt mit seinem Mandat dafür, dass Rot-Rot-Grün im Parlament eine Mehrheit hat. Eine Einstimmen-Mehrheit.

Er habe den Koran gelesen und vor allem Düsternis gefunden: Intoleranz und Gewalt. Der Islam behindere Wissbegier und Emanzipation, Meinungsfreiheit und Demokratie;  die Verneinung des Individuellen im Islam und die Moderne seien schlicht nicht kompatibel. Die hohen Geburtenraten von muslimischen Frauen seien voller voller demografischer Sprengkraft, diese Religion habe bisher keinen Beitrag zu Wissenschaft und Technik geleistet. So geht das etwa 20 Minuten, am Ende von Sarrazins Vortrag bleibt vom Islam und der muslimischen Welt, in der immerhin 1,57 Milliarden Menschen leben, im Grunde nur ein Häufchen Asche übrig. Ich kann mich ja irren, sagt Sarrazin, dann soll man mir halt wiedersprechen.

Ähnlich sieht das der SPD-Landrat im Kreis Nordhausen, Matthias Jendricke. Seiner Ansicht nach muss sich die SPD überlegen, ob sie Meinungsvielfalt zulässt oder sich einengen will. Auch an der Wahlplakat-Forderung “Kein Bleiberecht für Gefährder” nimmt Jendricke keinen Anstoß. Menschen, die Hilfe bräuchten und sich integrieren wollten, gewähre man Zuflucht. Aber die nicht auf dem Boden des Gesetzes stünden, die müsse man zurückschicken. “Hinter diese Forderung kann sich jeder SPD-Politiker stellen. Wir Landräte lassen keinen Zweifel aufkommen, dass wir uns um dieses Thema kümmern”, so Jendricke.

Für diesen Widerspruch sind zwei Mitglieder der Erfurter Ahmadiyya-Gemeinde in den Parksaal gekommen; die Publizistin Maryam Hübsch und der Gemeindesprecher Suleman Malik. Man kennt diesen Schlagabtausch: Sie werfen Sarrazin vor, nur bestimmte Suren aus dem Koran zu zitieren und betonen gleichzeitig Friedfertigkeit und den festen Willen zur Reform.

Sarrazin kontert, dass die Anhänger der in Britisch-Indien gegründeten Ahmadiyya-Bewegung ja selbst in islamischen Ländern verfolgt würden. Muslime, die sich gegen die politische Brutalisierung des Islam stemmen und ihren gesetzeskonformen Weg in säkularen Gesellschaften gehen wollen, sind für ihn eigentlich eine statistische Anomalie. Der Trend sieht anders aus, sagt er, wenn der Islam an die Macht komme, werde er zur Ideologie.

Wenig glücklich über den erneuten Streit um den Abgeordneten Helmerich ist SPD-Landtags-Fraktionschef Matthias Hey. Seinen Angaben nach ist Helmerich manchmal “dezidiert anderer Auffassung als es die oberste Parteilinie hergibt”. Allerdings gibt es für den Fraktionschef keinen Grund, Helmerich aus der Fraktion zu werfen. Der arbeite mit, nehme an Sitzungen teil, er sei Teil der Fraktion. Es gebe auch keinen offiziellen Antrag, ihn aus der Partei auszuschließen. Weder von den Jusos noch von irgendeinem Kreisverband.

Im Grunde könnte das eine interessante Debatte werden; denn auch Sarrazin räumt ein, dass es drei blutige Jahrhunderte gedauert habe, bis sich Europa von der Herrschaftsideologie des Christentums befreien oder die angestammte Religion im Abendland doch zumindest in Schach gehalten werden konnte. Aber nicht wenige im Publikum scheint dieser christliche Rückblick in die islamische Gegenwart zu überfordern.

Erst gehörte er zur AfD-Landtagsfraktion, dann war er fraktionslos. Und jetzt sitzt er für die SPD im Thüringer Landtag. Die Rede ist von Oskar Helmerich. Er macht mit umstrittenen Aktionen auf sich aufmerksam. Deshalb gibt es in der SPD immer wieder Forderungen, Helmerich müsse sein Parteibuch abgeben. Einige Jusos haben sich dafür schon stark gemacht. Und nun hat auch der SPD-Kreisverband Weimarer Land Helmerich den Parteiaustritt nahegelegt.

Wenn Hübsch oder Malik das Wort ergreifen, setzt im Parksaal sofort ein Murmelchor ein, der anschwillt, bis gebrüllt wird. Geh doch in Dein Land! ruft ein Erfurter Hübsch zu. Sie trägt Kopftuch, aber sie ist die Tochter eines Deutschen, wurde in Frankfurt geboren. Sie ist nicht willkommen im Steigerwaldstadion, sie wird geduldet. Sarrazin ermahnt das Publikum, die Beiträge seiner Kontrahenten jetzt einfach mal auszuhalten. Es klingt gönnerhaft.

Die SPD hatte vor einiger Zeit einen Vorsitzenden, der als Mr. 100 % das große Rennen machen wollte. Heute ist er Hinterbänkler im Bundestag. Jetzt hat die SPD eine Stimme aus dem bösen rechten Lager, die gerade noch zum Regieren reicht, und die wollen die Jusos loswerden? Denkt an die FPÖ, die haben auch das Spiel verdorben. Man verschwindet schnell in der Mottenkiste der Geschichte.

Auch Wolfgang Tiefensee, der Chef der Thüringer SPD, ist im Saal. Aufs Podium will er nicht. In einer zehnminütigen Rede betont er, was alle längst wissen: Das hier sei keine Veranstaltung der SPD. Sarrazin sei ein sehr intelligenter Mann (Beifall), aber man müsse doch darüber nachdenken, was aus seinen Thesen folgt, wo das hinführt (Buh-Rufe).

@ Erfurter 23 Offenbar will die AfD-Szene jetzt auch noch die SPD unterwandern. Problem nur: Die Rechtspopulisten stellen sich dabei so plump an, dass es sofort auffällt ….##Sind wir schon wieder im Karneval?Mit einem Politiker den man auch noch kennt.Aua mein Zwerchfell:-))))))Das wenn das gelingen würde,wer währen wohl dann dieDummen oder sind sie es schon?

Ja, wo führt das alles hin? Ich will keinen islamischen Staat in Deutchland! sagt Helmerich zum Abschluss, dann bedankt er sich herzlich beim Genossen Thilo.  Und die 550 Gäste? Was machen die nun mit dieser Dystopie, die sie für 24 Euro erworben haben? Die einen führt es am Ende zum Bücherstand mit Thilo Sarrazin. Hundert Meter ist die Menschenschlange lang. Die Leute wollen ein Exemplar von ihm, eine Signatur, eine Widmung, ein kurzes Wort. In der SPD mag Sarrazin ein Outlaw sein, ein Rufer in der Wüste. Im Parksaal ist er ein Prophet, zum dem man pilgert.

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Andere gehen ohne Buch nach Hause. Am Ausgang hat die Ahmadiyya-Gemeinde einen Info-Stand aufgebaut, junge Muslime verteilen Fakten und Argumente zum Thema Islam, eine Antwort auf die Vorwürfe der AfD. Suleman Malik sagt, es seien auch Antworten auf Sarrazin. Manche Besucher packen die Broschüre ein, sie kostet nichts. Andere werden wütend: Ihr verseucht mit Euren Moscheen unser ganzes Land brüllt ein älterer Herr einen jungen Muslim an, der die Heftchen verteilt. Sie sind ja radikal! gibt der zurück. Der Mann baut sich drohend auf, ein Freund zerrt ihn aus dem Stadion, bringt doch nix!. Beim Rausgehen ruft der Deutsche dem Muslim noch zu: Man sieht sich im Leben immer zweimal!.

Auf Wunsch des Innenministers soll der Thüringer Generalstaatsanwalt entscheiden, ob NPD-Wahlplakate mit der Aufschrift "Migration tötet" volksverhetzend sind. Deshalb sollen Polizisten die Werbung "dokumentieren".

Es klingt nicht wie die Verabredung zum Dialog. Oskar Helmerich glaubt, es wäre eine erfolgreiche Veranstaltung gewesen.

Am 26. Mai 2019 wählen die Thüringer neue Kreistage, Stadträte, Gemeinde- und Ortschaftsräte. Außerdem werden in 15 Kommunen hauptamtliche Bürgermeister gesucht. MDR THÜRINGEN informiert über alles Wichtige zur Wahl.

Fast drei Dutzend Lesungen hat Sarrazin in diesem Jahr schon hinter sich gebracht, in denen er sein im vergangenen Jahr erschienenes Buch Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht präsentiert. Doch die Lesung in der thüringischen Landeshauptstadt am Mittwochabend fällt aus dem üblichen Rahmen. Denn Sarrazin, gegen den inzwischen das dritte Parteiausschlussverfahren in der SPD läuft, ist von einem Sozialdemokraten eingeladen worden.

Strand in Erfurt – nein, das hat nichts mit dem Klimawandel zu tun, sondern mit dem "Erfurt Beach". Dabei handelt es sich um ein Beachvolleyballturnier für Breiten- und Profisportler auf dem Bahnhofsvorplatz.

Umstrittener Ex-Finanzsenator Kommission kritisiert SPD-Spitze für Sarrazin-Ausschlussverfahren Es sei einiges unternommen worden, um diese Veranstaltung zu verhindern eröffnet der Gastgeber den Abend um Punkt 19.00 Uhr. Als Ende März bekannt wurde, dass der sozialdemokratische Stadtrat und Landtagsabgeordnete Oskar Helmerich ausgerechnet den SPD-Außenseiter Sarrazin zu einer Wahlkampfveranstaltung einladen würde, ging die Thüringer Parteiführung sofort auf Distanz. Trotz großen Drucks sagte Helmerich den Termin nicht ab. Ideologischer Bevormundung muss man die Stirn bieten!, ruft er in den Saal und erntet Applaus. Dann ruft jemand: Verräter!.

Aggressive Wölfe sollen künftig leichter abgeschossen werden können. Auch auf Wolfs-Hybriden wird die Jagd erlaubt, wenn nach dem Kabinett auch der Bundestag zustimmt. Die Thüringer Reaktionen sind unterschiedlich.

Bevor Helmerich vor drei Jahren in die SPD eintrat, war er ein führendes Mitglied der Thüringer AfD. Er verließ die Partei, weil er den rechtsradikalen Kurs von Björn Höcke nicht länger mittragen wollte. Mit der AfD verbindet ihn seitdem eine innige Feindschaft, wie auch der Zwischenruf zeigt. In der SPD halten ihn dagegen manche für ein U-Boot der AfD und fordern, er möge die Partei verlassen. Helmerich, der Gastgeber, sitzt politisch zwischen allen Stühlen. Aber heute Abend geht es nicht um ihn. Die Bühne gehört Sarrazin. Seinetwegen haben die Gäste 24 Euro Eintritt bezahlt, jetzt muss er auch liefern.

In Kutzleben fielen seit Sonntag 23 Liter Regen pro Quadratmeter. Spargelhof-Geschäftsführer Jan Niclas Imholze ist froh darüber. Der Boden hat alles an Feuchtigkeit aufgenommen, für den Spargel ist das wichtig.

Wahlkampf in Thüringen Kein Bleiberecht für Gefährder – Warum die SPD dieses Plakat verbietet Und das tut er. Sarrazin beklagt gleich in seinem Eingangsreferat, dass die Politik in Deutschland inzwischen nur noch verdrängt, was man nicht sehen will. Kaum ein Kritiker hätte sein Buch wirklich gelesen, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk komme er, Sarrazin, gar nicht mehr vor. Noch nie sei eine einzige Aussage von mir rechtlich angegriffen worden sagt er weiter, um dann zum eigentlichen Thema des Abends zu kommen: Der Islam.

Das Bundeskabinett hat ein neues Gesetz zum Umgang mit dem Wolf auf den Weg gebracht. Nach Wolfsrissen soll es künftig einfacher sein, Raubtiere in der Region abzuschießen. Das Thüringer Echo ist differenziert.

Er habe den Koran gelesen und vor allem Düsternis gefunden: Intoleranz und Gewalt. Der Islam behindere Wissbegier und Emanzipation, Meinungsfreiheit und Demokratie;  die Verneinung des Individuellen im Islam und die Moderne seien schlicht nicht kompatibel. Die hohen Geburtenraten von muslimischen Frauen seien voller voller demografischer Sprengkraft, diese Religion habe bisher keinen Beitrag zu Wissenschaft und Technik geleistet. So geht das etwa 20 Minuten, am Ende von Sarrazins Vortrag bleibt vom Islam und der muslimischen Welt, in der immerhin 1,57 Milliarden Menschen leben, im Grunde nur ein Häufchen Asche übrig. Ich kann mich ja irren, sagt Sarrazin, dann soll man mir halt wiedersprechen.

Nach den schweren Regenschauern vom Sonntag in Plaue mussten über 20 Keller ausgepumpt werden. Immer noch ist der Tunnel am Bahnhof wegen Überflutung gesperrt. Auch der Zugverkehr ist weiter eingeschränkt.

Für diesen Widerspruch sind zwei Mitglieder der Erfurter Ahmadiyya-Gemeinde in den Parksaal gekommen; die Publizistin Maryam Hübsch und der Gemeindesprecher Suleman Malik. Man kennt diesen Schlagabtausch: Sie werfen Sarrazin vor, nur bestimmte Suren aus dem Koran zu zitieren und betonen gleichzeitig Friedfertigkeit und den festen Willen zur Reform.

Sarrazin kontert, dass die Anhänger der in Britisch-Indien gegründeten Ahmadiyya-Bewegung ja selbst in islamischen Ländern verfolgt würden. Muslime, die sich gegen die politische Brutalisierung des Islam stemmen und ihren gesetzeskonformen Weg in säkularen Gesellschaften gehen wollen, sind für ihn eigentlich eine statistische Anomalie. Der Trend sieht anders aus, sagt er, wenn der Islam an die Macht komme, werde er zur Ideologie.

Bei einem Brand in einem Wohnhaus in Erfurt ist am Sonntag eine 28 Jahre alte Frau schwer durch Rauchgase verletzt worden. Die junge Frau, die im siebten Monat schwanger ist, wurde ins Krankenhaus gebracht.

Das Podium: Sarrazin (links) diskutierte unter anderem mit der Publizistin Maryam Hübsch (2. v. r.) und dem Sprecher der Ahmadiyya-Gemeinde Suleman Malik (r.) Quelle: dpa/Martin Schutt Im Grunde könnte das eine interessante Debatte werden; denn auch Sarrazin räumt ein, dass es drei blutige Jahrhunderte gedauert habe, bis sich Europa von der Herrschaftsideologie des Christentums befreien oder die angestammte Religion im Abendland doch zumindest in Schach gehalten werden konnte. Aber nicht wenige im Publikum scheint dieser christliche Rückblick in die islamische Gegenwart zu überfordern.

Eine Tunnelsperrung auf der A71 hat am Sonntagvormittag zu langen Staus geführt. Grund war eine Unfallrekonstruktion. Die A71 war kurz nach dem Tunnel Behringen dafür etwa eine Stunde gesperrt gewesen.

Wenn Hübsch oder Malik das Wort ergreifen, setzt im Parksaal sofort ein Murmelchor ein, der anschwillt, bis gebrüllt wird. Geh doch in Dein Land! ruft ein Erfurter Hübsch zu. Sie trägt Kopftuch, aber sie ist die Tochter eines Deutschen, wurde in Frankfurt geboren. Sie ist nicht willkommen im Steigerwaldstadion, sie wird geduldet. Sarrazin ermahnt das Publikum, die Beiträge seiner Kontrahenten jetzt einfach mal auszuhalten. Es klingt gönnerhaft.

Die Rockergruppe "Hells Angels" ist wieder in Erfurt aktiv. Die weltweit tätige Rocker-Verbindung wird der organisierten Kriminalität zugerechnet. Einzelne Ableger wurden deshalb verboten.

Auch Wolfgang Tiefensee, der Chef der Thüringer SPD, ist im Saal. Aufs Podium will er nicht. In einer zehnminütigen Rede betont er, was alle längst wissen: Das hier sei keine Veranstaltung der SPD. Sarrazin sei ein sehr intelligenter Mann (Beifall), aber man müsse doch darüber nachdenken, was aus seinen Thesen folgt, wo das hinführt (Buh-Rufe).

Von links: Thilo Sarrazin, Wolfgang Tiefensee, (SPD-Landesvorsitzender von Thüringen) und Oskar Helmerich (SPD-Landtagsabgeordneter in Thüringen) Quelle: dpa/Martin Schutt Ja, wo führt das alles hin? Ich will keinen islamischen Staat in Deutchland! sagt Helmerich zum Abschluss, dann bedankt er sich herzlich beim Genossen Thilo.  Und die 550 Gäste? Was machen die nun mit dieser Dystopie, die sie für 24 Euro erworben haben? Die einen führt es am Ende zum Bücherstand mit Thilo Sarrazin. Hundert Meter ist die Menschenschlange lang. Die Leute wollen ein Exemplar von ihm, eine Signatur, eine Widmung, ein kurzes Wort. In der SPD mag Sarrazin ein Outlaw sein, ein Rufer in der Wüste. Im Parksaal ist er ein Prophet, zum dem man pilgert.

Schwimmen für einen guten Zweck: Beim 24-Stunden-Marathon im Hallenbad Sondershausen gehen 5 Cent pro Bahn an das "Kuratorium – Aktion für Behinderte in Nordthüringen e.V."

Thilo Sarrazin Ein politisch Untoter wird der SPD zur Last Andere gehen ohne Buch nach Hause. Am Ausgang hat die Ahmadiyya-Gemeinde einen Info-Stand aufgebaut, junge Muslime verteilen Fakten und Argumente zum Thema Islam, eine Antwort auf die Vorwürfe der AfD. Suleman Malik sagt, es seien auch Antworten auf Sarrazin. Manche Besucher packen die Broschüre ein, sie kostet nichts. Andere werden wütend: Ihr verseucht mit Euren Moscheen unser ganzes Land brüllt ein älterer Herr einen jungen Muslim an, der die Heftchen verteilt. Sie sind ja radikal! gibt der zurück. Der Mann baut sich drohend auf, ein Freund zerrt ihn aus dem Stadion, bringt doch nix!. Beim Rausgehen ruft der Deutsche dem Muslim noch zu: Man sieht sich im Leben immer zweimal!.

Zählpanne schon vor der Kommunalwahl: Statt angekündigter fast 60.000 Kandidaten treten am 26. Mai nur rund 20.000 an. Auch die Zahl der zu vergebenden Ratssitze wurde korrigiert.

Es klingt nicht wie die Verabredung zum Dialog. Oskar Helmerich glaubt, es wäre eine erfolgreiche Veranstaltung gewesen.

Der Thüringer SPD-Abgeordnete Oskar Helmerich will Wähler der AfD zurück zur SPD holen. Hilfe verspricht er sich von Thilo Sarrazin. Doch das sorgt für Entsetzen, auch in den eigenen Reihen.

Ein Ex-AfD-Mann, der in die Thüringer SPD eintrat, führt seine Partei unter tätiger Hilfe von Thilo Sarrazin kurz vor der Europawahl öffentlich vor – und sie kann nichts dagegen tun. Denn die knappe rot-rot-grüne Mehrheit im Landtag hängt an seiner Stimme.

Er war Leipzigs Oberbürgermeister, Bundesverkehrsminister, die sozialdemokratische Hoffnung des Ostens. Inzwischen, jenseits der 60, müht sich Wolfgang Tiefensee in Thüringen als Wirtschaftsminister und Vorsteher der örtlichen Mini-SPD auf dem zweiten Karriereweg. Es ist, gerade in diesen Zeiten, gerade im Osten Deutschlands, nicht ganz einfach.

Doch nie in seinem politischen Leben dürfte Tiefensee so ohnmächtig gewirkt haben wie an diesem Mittwochabend im großen Saal der Erfurter Arena. Er, der SPD-Landesvorsitzende, steht sehr gerade im grauen Anzug und versucht sich mit sonorer Mikrofonstimme von einem Wahlkampfauftritt eines SPD-Landtagsabgeordneten zu distanzieren.

Nein, sagt er, das sei keine Veranstaltung der SPD, aber er habe, natürlich, auch nichts gegen sie. Es sei “ein ganz hohes Gut, dass jeder seine Meinung” sagen könne, das habe er in der DDR gelernt. Aber: “Wenn man Menschen nach Religion, Ethnie, Hautfarbe einsortiert, ist man sehr schnell dabei, dass man sie stigmatisiert, dass man sie ausgrenzt.”

Doch seine Worte werden von Buhrufen im Saal übertönt. “Aufhören!”, brüllen einige. Hinter Tiefensee, auf der Bühne, ruckelt sich Thilo Sarrazin auf seinem Stuhl zurecht. “Wer Tatsachen anspricht, die unangenehm sind, grenzt niemand aus”, sagt er ruhig. Großer Applaus, der Parteichef darf abtreten.

Zu diesem Zeitpunkt hat Sarrazin, Ex-Finanzsenator von Berlin, Ex-Bundesbankvorstand, Bestsellerautor und – trotz mehrerer Ausschlussversuche – immer noch Mitglied der SPD, seine Standardvorlesung gehalten. Die erste Hälfte bestand aus der Referierung seiner Verkaufserfolge und der Klage über die wahlweise ignoranten oder unfähigen Journalisten.

Um die 500 Menschen hören ihm zu, sie sind mehrheitlich männlich, älter und offenkundig nicht dem Islam oder der amtlichen SPD zugeneigt. Sie haben 24 Euro für eine Karte bezahlt, um sich, so der Buchtitel, die “Feindliche Übernahme” Deutschlands durch den Islam erklären zu lassen.

Neben dem Autor sitzt der Abgeordnete Oskar Helmerich. Auf das Podium darf auch die Journalistin Khola Maryam Hübsch, so viel Meinungsfreiheit muss sein. Es sei, sagt sie, nicht unbedingt alles falsch, was Sarrazin erzähle. Aber das sei eben nur ein Teil der komplexen Realität. So unterstützten 90 Prozent der Muslime in Deutschland die Demokratie. Wütendes Raunen um Saal.

Den Zeitpunkt des Spektakels hat Helmerich präzise gewählt. Am Sonntag werden in Thüringen neben den Europaabgeordneten auch Kreistagsmitglieder sowie Stadt und-Gemeinderäte gewählt. Und am 27. Oktober steht die Landtagswahl an. In den Umfragen liegt die SPD bei zehn Prozent.

Was Helmerich antreibt, lässt sich nur vermuten. 1960 in Deggendorf geboren, studierte er in Gießen Jura und eröffnete nach der Wende eine Rechtsanwaltskanzlei in Erfurt. Gewählt, behauptet er, habe er damals zumeist SPD und Grüne.

Merkwürdigerweise trat er dann aber in die AfD ein. 2014 zog er für seine Partei erst in den Erfurter Stadtrat und dann in den Landtag ein, auf Platz zwei hinter Björn Höcke.

Die AfD war damals schon – im Land wie im Bund – in mehrere Lager zerfallen. Helmerich verortete sich auf der Seite des damaligen Vorsitzenden Bernd Lucke – und verlor. Im Sommer 2015 verließ Helmerich Parlamentsfraktion und Partei.

Doch es dauerte kein Jahr, und Helmerich war von der SPD aufgenommen. Da mochten sich die Jusos noch so empören und die Parteilinken im Landesvorstand protestieren: Die Realpolitik siegte. Die rot-rot-grüne Koalition, die seit Ende 2014 mit nur einer Stimmen Mehrheit regierte, konnte jede Art von Absicherung dringend gebrauchen – was sich bald zeigte.

Einige Monate nach der wundersamen Sozialdemokratisierung des Oskar Helmerich wechselte eine SPD-Abgeordnete in die CDU-Fraktion. Seitdem basiert die parlamentarische Mehrheit der einzigen von der Linken geführten Regierung in Deutschland auf einem Ex-AfD-Mann.

Doch der Preis dieses Paktes ist hoch. Seit sich abzeichnet, dass seine Assimilierungsübungen nicht mit einem guten Listenplatz belohnt werden, begann Helmerich zu provozieren. Erst lud er Thilo Sarrazin ein, was bundesweit Protest hervorrief. Dann plakatierte er im Erfurter Stadtratswahlkampf Plakate. Die Parole: “Kein Bleiberecht für Gefährder!” Prompt forderte der erste Kreisverband seinen Parteiaustritt.

Inzwischen hat Helmerich den Landesverband gespalten. Während sich mehrere Landräte mit ihm solidarisieren, fordern die Jusos seinen Parteiausschluss. Den Abgeordneten stört das nicht. Der Landtag muss ja noch im Juni den Landeshaushalt verabschieden. Rot-Rot-Grün braucht ihn.

In Erfurt ist nach zwei Stunden die sogenannte Wahlkampfveranstaltung vorbei. Helmerich gehören die letzten Sätze. “Ich möchte nicht, dass Deutschland ein islamischer Staat wird”, sagt er unter tosendem Beifall. “Ich bedanke mich beim Genossen Thilo für seinen Vortrag.”

Hinten im Saal hat sich da bereits eine lange Schlange gebildet. Der Bestsellerautor signiert Bücher