Kunstsammlung NRW: Ai Weiwei: Tonnenschwere Kunst in Düsseldorf - ZEIT ONLINE
Düsseldorf: Ai Weiwei verarbeitet eigene Haft-Erfahrungen
Düsseldorf (dpa) – An der Kunst von Ai Weiwei kommt keiner vorbei. Besucher können gar nicht anders, als durch 40 Kleiderständer voller zurückgelassener Wäsche von Flüchtlingen zu gehen: Vom Babystrampler bis zur Jeans sind die gereinigten Kleider in beklemmender Ordnung gebügelt und beschriftet aufgehängt.

Als das griechische Flüchtlingslager Idomeni 2016 geräumt wurde, sammelten Ai Weiwei und seine Mitarbeiter die zurückgelassene Wäsche ein. Die daraus entstandene Arbeit Laundromat ist Teil der Ausstellung mit seinen Arbeiten in Düsseldorf.

Vom 18. Mai bis zum 1. September zeigt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen unter dem knappen Titel Ai Weiwei Arbeiten des in Berlin lebenden 61 Jahre alten Künstlers und Menschenrechtlers. Installationen sind darunter, Skulpturen, Filme, Fotowände, Bilder aus Legosteinen und Darstellungen voller Details, bei denen man genau hinsehen muss. Die politisch inspirierten Werke des Chinesen haben teilweise so gewaltige Ausmaße, dass das Museum sie auf zwei Häuser verteilt hat.

Als Aktivist ist er Künstler, und als Künstler ist er Aktivist, sagte Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung und Mit-Kuratorin, über Ai Weiwei. Alles hat auch mit Politik zu tun. Zwei seiner besonders großen Schlüsselwerke sind in Hallen im Stammhaus der Kunstsammlung aufgebaut. Wir sind glücklich, dass wir diese Räume haben, meinte die Museumschefin.

Die Arbeit Straight – wie gerade biegen – besteht aus 164 Tonnen Stahl, die sortiert und gebündelt in Kisten aus rohem Holz liegen. Die Metallstäbe wurden nach einem verheerenden Erdbeben 2008 in China, bei dem auch Tausende Schulkinder starben, aus den Trümmern der Schulen geborgen. Jahrelang hämmerten Arbeiter die Metall-Knäule wieder gerade. Die Stäbe liegen wie aufgebahrt in Holzkisten. An der Wand hängen die Namen der gestorbenen Schüler. Weil die Arbeit extrem schwer ist, schaltete das Museum sicherheitshalber einen Statiker ein.

Geradezu spektakuläre Ausmaße hat die 650 Quadratmeter große Arbeit Sunflower-Seeds aus dem Jahr 2010. Sie besteht aus 100 Tonnen Sonnenblumenkernen aus Porzellan, die in China von Hand bemalt wurden. Die kleinen Kerne sind zu einem knöchelhohen, riesigen Rechteck aufgeschüttet. Obwohl jedes Figürchen weiß und schwarz bemalt ist, wirkt die ganze Masse grau und schier unendlich. Das Einzelne geht unter.

Einige Exponate haben mit Ai Weiwei und seinen regimekritischen Äußerungen gegenüber der Regierung in China zu tun. Im April 2011 wurde er in China inhaftiert und 81 Tage festgehalten. Die Gefangenschaft hat er beklemmend nachgestellt. Die Betrachter blicken durch Gucklöcher in Eisenkisten und sehen Ai Weiwei in seiner Zelle, beim Essen, mit angeketteter Hand beim Verhör. Stets mit zwei Bewachern in Uniform an der Seite.

Ich bin selbst ein Migrant, sagte der Künstler am Donnerstag. Für das Thema steht in der Ausstellung ein nachgebautes 17 Meter langes Schlauchboot aus Bambus und Sisal. Die Passagiere erscheinen als geisterhafte Figuren, das Boot als Totenschiff. Für die Düsseldorfer Schau hat Ai Weiwei ein Selbstporträt beigesteuert, das ihn schwungvoll gehend zeigt. Es bezieht sich auf ein Foto des von ihm geschätzten, gleichfalls politischen Künstlers Joseph Beuys. Er sieht besser aus, kommentiere Ai Weiwei.

Hinweis Diese Meldung ist Teil des automatisierten Nachrichten-Feeds der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Die dpa ist eine Nachrichtenagentur, die Medien mit selbst recherchierten und formulierten Meldungen zu aktuellen Ereignissen beliefert.

Düsseldorf – Zwei Männer verhören in einer engen Zelle einen mit Handschellen an den Stuhl gefesselten Mann. Diese bedrückende Szene hat der chinesische Künstler, Dissident und Menschenrechtler Ai Weiwei (61, Alles ist Kunst, alles ist Politik) aus der Erinnerung nachgebildet. Denn: Er hat genau das selbst erlebt…

Mit den Zellen-Nachbauten in sechs rostigen Stahlkisten thematisiert der Bildhauer und Konzeptkünstler nicht nur die 81 Tage, die er in chinesischer Einzelhaft unter so schlimmen Bedingungen verbringen musste. Er schuf so auch ein allgemeingültiges Werk zum Thema Unterdrückung.

Die Zelle ist eine von 42 Plastiken, Bildern, Videos, die gleichzeitig in den zwei Düsseldorfer Museen K20/K21 zu sehen sind.

Bei der größten Ai Weiwei-Schau, die es jemals in Europa gegeben hat, werden nun erstmals unter einem Dach auch die Großplastiken Straigth (dt.: gerade) und Sunflower Seeds (Sonnenblumenkerne) gezeigt.

Ein chinesisches Gericht hat den Verteidiger von Ai Weiwei zu 4,5 Jahren verurteilt. Vorwurf: Untergrabung der Staatsgewalt.

Für Straight, das aus 164 Tonnen Baustahl besteht, musste geprüft werden, ob die Museums-Statik überhaupt hält! Es erzählt von 5335 Kindern, die beim Erdbeben von Sichuan 2008 getötet wurden, weil ihre Schulen nicht sicher gebaut waren. Die Regierung versuchte zu vertuschen, was Ai Weiwei mit einer Bürgerinitiative heraus gefunden hatte.

Ai Weiwei, hatte damals gegenüber Welt online gesagt, dass die Behörden nur ihre Verantwortung abwälzen wollten: Kennzeichen dieses furchtbaren Unglücks ist, dass so viele Schüler starben, weil ihre Schulen nicht stabiler als Bohnenquark gebaut waren.

Der Künstler und sein Team sammelten die Stahlstangen aus dem Schutt. Er hämmerte sie mit seinem Team in Handarbeit gerade. Wie aufgebahrt werden die Stahlstangen nun in Kisten nach Größe sortiert im Museum gezeigt.

Gigantisch und poetisch zugleich wirkt Ai Weiweis Werk Sunflower Seeds, das sich mit dem Thema Individuum und Staat auseinandersetzt. Dafür hat er in alten, chinesischen Manufakturen 100 Millionen Sonnenblumenkerne aus Porzellan fertigen und individuell bemalen lassen.

Dass Ai Weiwei mit seiner Riesen-Ausstellung nach Düsseldorf gekommen ist, liegt an dem guten Vertrauensverhältnis, so der Künstler, das er zu Museums-Chefin Prof. Dr. Susanne Gaensheimer (52) hat. Sie kennen sich bereits aus früheren Kooperationen.