Verfolger Borussia Dortmund - Der BVB will noch schneller werden - Süddeutsche.de
BVB-Bosse versprechen nach verpasster Meisterschaft: Wir greifen wieder an
Applaus für eine Saison, in der es der BVB lange ganz oben standen: Mario Götze und Julian Weigl (re.).

Als sich Mannschaft und Tross am Samstagabend am Trainingsgelände des BVB zu Abendessen und kühlen Getränken niedergelassen hatten, war die verpasste Meisterschaft schon beinahe abgehakt. Bei den meisten jedenfalls. Augenzeugen berichten, dass sich die Trauer in Grenzen gehalten habe. Am späten Abend, als sich die meisten schnell in den Urlaub verabschiedeten, soll der Juni bereits die Gespräche bestimmt haben. Dann beginnt die Vorbereitung auf die nächste Saison. Mit der Mission, den Rivalen aus dem Süden in der nächsten Saison noch einmal herauszufordern.

Gleichwohl wird 2018/2019 in die Dortmunder Vereinschronik als Spielzeit der verpassten Möglichkeiten eingehen. Immerhin rangierte der BVB 21 Spieltage auf dem ersten Tabellenplatz und besaß zwischenzeitlich einen komfortablen Neun-Punkte-Vorsprung auf den späteren Meister Bayern. Nationalspieler Reus brachte die Gemütslage aller Beteiligten auf den Punkt: “Man hat einfach das Gefühl, dass in dieser Saison mehr drin war.” Ähnlich sah es Watzke: “Wenn wir ein Spiel mehr gewonnen hätten, wären wir Meister geworden.”

Das 2:0 am letzten Spieltag in Mönchengladbach hatte wenig Ertrag gebracht, außer der Fußnote, mit 76 Punkten die drittbeste Ausbeute in 52 Jahren Dortmunder Bundesliga-Zugehörigkeit geliefert zu haben. Dass die Bayern ihre zwei Punkte Vorsprung ins Ziel brachten, war nur der Vollzug einer überdeutlichen Vorahnung. “Wir haben die Meisterschaft viel früher verloren”, meinte Axel Witsel, “gegen die sogenannten kleinen Klubs.” Die Präzisierung lieferte Torwart Roman Bürki: “Bei allem Respekt, aber gegen Nürnberg, Augsburg oder Düsseldorf musst du gewinnen, wenn du Meister werden willst.”

Ein Leistungsabfall in der Rückrunde mit vielen individuellen Patzern und verschenkten Siegen brachte den Revierclub um den Lohn. Vor allem das 2:4 am 31. Spieltag im Revierderby gegen den FC Schalke und das 2:2 in Bremen nach 2:0-Führung eine Woche später werden für lange Zeit in schmerzlicher Erinnerung bleiben. “Uns hat in gewissen Spielen die Erfahrung und vielleicht auch die Gier gefehlt”, befand Leitwolf Reus, “in den entscheidenden Momenten waren die Bayern einen Tick besser.”

Und BVB-Boss Hans-Joachim Watzke, der vor Anpfiff noch versucht hatte, mehr Optimismus zu verbreiten, als es rational eigentlich Sinn ergab, hatte zwei Spiele im Saisonverlauf ausgemacht, die den BVB den Titeltraum verdorben hatten: “Wir haben gegen Hoffenheim überlegen gespielt und 3:0 geführt, und in Bremen war es genauso, und wir haben 2:0 geführt. Beide Male haben wir dann nur Unentschieden gespielt, beide Male zwei sichere Punkte verloren. Das waren gefühlte Niederlagen, die einer erfahreneren Mannschaft einfach nicht passieren.”

Längst laufen die Planungen zur Verbesserung der Schlagkraft auf Hochtouren. Die Verpflichtungen von Außenverteidiger Nico Schulz (Hoffenheim) und Thorgan Hazard (Mönchengladbach) gelten als ausgemachte Sache. Zudem halten sich die Gerüchte eines Wechsels von Nationalspieler Julian Brandt von Bayer Leverkusen zum BVB. Für Torhüter Roman Bürki ist das ein Grund mehr, zuversichtlich nach vorn zu schauen: “Wir werden schon bald eine neue Chance bekommen.”

"Wir waren nicht weit genug, es hat etwas gefehlt": In einer Saison mit taumelnden Bayern hat es der BVB versäumt, eine große Chance zu nutzen – dafür gibt es eindeutige Gründe.   Von Felix Meininghaus

Auch das 2:0 (1:0) bei Borussia Mönchengladbach nach Toren von Jadon Sancho (45.) und Marco Reus (54.) bescherte dem BVB nicht das erhoffte Meisterwunder. Doch der knappe Zwei-Punkte-Rückstand auf den FC Bayern ermutigte auch Kapitän Reus, frühzeitig ein ambitioniertes Ziel auszugeben: “Borussia Dortmund gehört nach oben. Wir werden alles daran setzen, dass wir im nächsten Jahr wieder oben sind und am Ende Meister werden.”

Immerhin schien der zumindest theoretisch erst am letzten Spieltag entschiedene Titelkampf einen Sinneswandel bewirkt zu haben. Dass die Bayern nur in dieser einen Saison eine Schwächeperiode gehabt hätten, die man unbedingt hätte nutzen müssen, schien beim finalen Mannschaftsessen schon nicht mehr die Dortmunder Lehrmeinung zu sein. Die Nähe zur Meisterschale lässt die überwiegend jungen Profis im Nachhinein an eine noch größere Chance im nächsten Jahr glauben. Das ist ein Sinneswandel. Vielleicht hätte er schon früher kommen müssen. Trainer Lucien Favre und die Chefs Watzke und Michael Zorc müssen sich insgeheim fragen, ob sie ihren Anspruch auf den Meistertitel nicht früher und entschlossener hätten verkünden können. Stattdessen blieb Dortmund selbst bei sieben oder gar neun Punkten Vorsprung bei der modernen Fußballer-Phrase, dass man nur “von Spiel zu Spiel” denken wolle. Während in München Niko Kovac, Favres Pendant, selbst beim größten Punkterückstand weiterhin den Titel versprach. Das nächste Spiel hin oder her. Gewinnen muss man es ja immer.

Fest steht, dass der BVB in Christian Pulisic, der für rund 64 Millionen Euro Ablöse zum FC Chelsea wechselt, zwar einen Edeljoker verliert, ansonsten aber keine personellen Verluste erwarten muss, die wehtun würden. Auch der begehrte junge Engländer Jadon Sancho, dem in Gladbach sein zwölftes Saisontor und damit der 29. Scorerpunkt gelang, wird definitiv weiter für die Borussia spielen. Der 19-Jährige landete in der aussagekräftigen Scorer-Wertung der Bundesliga hinter Münchens Robert Lewandowski (35 Punkte) auf Platz zwei, knapp vor seinem Teamkollegen Marco Reus (28 Punkte). Auch der von Real Madrid geliehene Achraf Hakimi, der in der Rückrunde lange ausfiel und schmerzhaft fehlte, wird in Dortmund bleiben.

Und doch gab es wenig Gründe für Selbstzweifel. Schließlich gelang die drittbeste Punktausbeute der BVB-Historie. “Es hat uns nur wenig gefehlt, wir können sehr zufrieden sein”, kommentierte Lucien Favre, “niemand hatte 76 Punkte für Dortmund in dieser Saison geplant.”

Den Faktor Schnelligkeit, auf den Sancho, Reus, Hakimi vertrauen, will Dortmund ausbauen. Nationalspieler Nico Schulz kommt aus Hoffenheim, Thorgan Hazard aus Gladbach, außerdem rechnet der BVB sich beste Chancen aus, Nationalspieler Julian Brandt aus Leverkusen als Zugang präsentieren zu können. Auch er ist ein besonders flinker Profi.

Sollte all das gelingen, verbessert sich die Offensive erneut. Schulz und Hakimi versprechen das schnellste Verteidiger-Paar der Bundesliga zu bilden, Brandt könnte mit Vielseitigkeit und Spielintelligenz sowohl auf dem Flügel Pulisic ersetzen, aber auch im zentralen Mittelfeld noch mehr spielerische Klasse bringen. Mario Götze soll offenbar weiter einen verkappten Mittelstürmer nach Trainer Favres Spielart geben. Sein Vertrag läuft zwar 2020 aus, aber alle Parteien scheinen verlängern zu wollen. Fraglich ist angeblich nur, zu welchen Konditionen. In der Rückrunde hatte sich Götze zum ersten Mal seit Jahren wieder mit starken Leistungen und 15 Scorer-Punkten zurückgemeldet.

Ähnlich wie der BVB-Coach reagierte auch Zorc empfindlich auf kritische Fragen nach der verpassten Meisterchance: “Unter Trainer Jürgen Klopp sind wir mal mit weniger Punkten Meister geworden. Das muss man sich vergegenwärtigen.”

Verloren aber hatte Dortmund die Meisterschaft eher mit den in der Rückrunde allenfalls durchwachsenen Defensivleistungen. Trainer Favre beharrte auf einer stetigen Raumdeckung. Aufgegangen ist diese Strategie nicht immer. Der professoral wirkende Favre, der unter den Spielern offenbar trotz mancher Rückschläge beliebt ist, wird sich möglicherweise hier und da auch selbst weiter entwickeln müssen. Vor der Saison hatte Favre die Aufgabe, eine trudelnde, verunsicherte Elf zu stabilisieren. Das ist mit Bravour gelungen. “Wir hatten in der Hinrunde das maximale Maß an Glück”, sagte der 61-Jährige fast entschuldigend am Samstag. Sollte wohl heißen, dass man den nur noch vierten Platz in der Rückrunde auch noch akzeptieren möge.

Nach dem ersten Frust überwog der Stolz. Schon beim gemeinsamen Abschied in die Sommerpause am Abend schworen sich die Dortmunder auf einen weiteren Versuch ein, den Serienmeister FC Bayern ins Wanken zu bringen.

Für Favre, der vorher in seiner langen Trainer-Laufbahn noch nie eine Spitzenmannschaft in einer der großen Ligen betreut hatte, wird es darauf ankommen, ob er den Willen seiner jungen Spieler mittragen kann. Meisteransprüche zu formulieren, vor allem der eigenen Mannschaft gegenüber, wird für Lucien Favre eine interessante neue Erfahrung sein.

Während Rafinha, Robben und Ribéry jede Ehre bekommen, steht Jérôme Boateng unbeteiligt daneben. Nach 286 Pflichtspielen wird er als ein Spieler gehen, der sich vom FC Bayern entfremdet hat.   Von Martin Schneider

Vize-Meister Borussia Dortmund schwankt nach dem Ligafinale in Mönchengladbach zwischen Stolz und Enttäuschung. Die BVB-Bosse versprechen: Wir greifen wieder an.

Kurz keimte berechtigte Hoffnung auf. Da hielten alle Schwarzgelben den Atem an, da knisterte es. Am Samstag um 16.40 Uhr fehlte dem BVB nach Frankfurts Ausgleich zum 1:1 in München nur ein weiterer Treffer der Eintracht zum Titel. Rund zwei Minuten hielt der Zustand an, zwei Minuten lang konnten Wunder wahr werden. Dann zogen die Bayern unerbittlich auf 5:1 davon. Für Borussia Dortmund langte es trotz des 2:0 in Gladbach nur zum Vizemeister.