Oh ja, Dortmund kann Meister werden
Der Favre-Effekt: Das besondere Händchen des BVB-Trainers
Dortmund erlebt wieder große Fußballabende. Vor gut zwei Wochen glückte der Borussia ein 4:0 gegen Atlético, es war die höchste Niederlage für Madrids Trainer Diego Simeone und seine Abwehrkünstler. Da spürte man, dass der BVB wieder beginnt, an sich zu glauben, auch an seine Ausstrahlung auf Gegner, Fans und Schiedsrichter. Die Atmosphäre bei Heimspielen beflügelt die einen und schüchtert die anderen ein, Spiele im Westfalenstadion können eskalieren. Leidenschaft, Lust und Selbstbewusstsein waren bereits die größten Stärken des BVB in der Klopp-Ära. Damit bekommen es nun die schwächelnden Bayern zu tun.

Im Rückspiel am Dienstag dieser Woche hingegen war es einfacher, gegen Dortmund Tore zu schießen. Atlético gewann 2:0. Der BVB war viel deutlicher unterlegen als es das Ergebnis ausdrückte, manchmal kam er minutenlang kaum mehr aus der eigenen Hälfte. Nach der ersten Niederlage in dieser Saison und vor dem Bundesliga-Spitzenspiel am Samstag mag sich mancher fragen: Stürzt die Borussia schon wieder ab? Auch im vorigen Herbst stand sie auf dem ersten Platz, sogar mit fünf statt, wie jetzt, vier Punkten Vorsprung. Anschließend gewann sie monatelang kaum noch ein Spiel, fiel bisweilen bis ins Mittelfeld der Tabelle.

Mit dem festen Griff seiner Torhüter-Pranken umklammerte Roman Bürki ein Trikot von Weltmeister Antoine Griezmann. Doch viel mehr als dieses Andenken und Prellungen am Oberschenkel nach einem heftigen Zusammenprall konnte der BVB-Schlussmann nicht mitnehmen aus dem Estadio Metropolitano. Vor allem keine Punkte. 0:2, die erste Saison-Niederlage. Ernüchterung? Nein, eher mit glaubwürdiger Einsicht analysierten die Borussen das Ende der Serie unbesiegter Spiele.

Diejenigen Fußballfreunde, die auf einen erneuten Durchmarsch der Bayern verzichten könnten, dürfen beruhigt sein: Dass sich ein Dortmunder Einbruch wiederholt, ist sehr unwahrscheinlich. Atlético ist eine internationale Spitzenkraft, gegen diese Defensive können viele Teams nichts ausrichten. In der Bundesliga sind Dortmunds Gegner bedeutend schwächer. Da zählt der BVB zu den Titelfavoriten, was daran liegt, dass er hinten bedeutend stabiler geworden ist. Und vorne hat er nun einen echten Stürmer.

Atletico war die bessere Mannschaft. Es ist keine Schande, wenn man hier auswärts verliert, sagte Bürki. Der Schweizer, der im vierten Champions-League-Spiel die ersten Gegentore schlucken musste, erhob keine Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Ergebnisses. Madrid hat verdient gewonnen, damit müssen wir umgehen. In der Königsklasse kann sich der BVB diesen kleinen Rückschlag tabellarisch leisten, Schmerzen bereitete er nicht.

In Dortmund ist ein bisschen was anders als in den vergangenen Jahren. Da sind zum einen die neuen Spieler. Dortmund hat die Defensive, die schon unter Jürgen Klopp nicht immer die sicherste war, sicherer gemacht. Im zentralen Mittelfeld schaffen Thomas Delaney und insbesondere Axel Witsel, der belgische WM-Dritte, Ordnung und halten ihren Hintermännern die Gegner vom Leib. Dort, in der Verteidigung, räumen der 19-jährige Franzose Dan-Axel Zagadou, und der schweizerisch-nigerianische Manuel Akanji den Rest ab. Die beiden 90-Kilo-Kerle sind noch nicht die reifsten, bewegen sich aber trotz ihrer Größe schnell und wendig. Der Franzose Abdou Diallo, Zugang aus Mainz, ist ähnlich gut.

Die chancenlosen Borussen zeigen sich nach dem 0:2 bei Atletico Madrid einsichtig. Die erste Niederlage der Saison soll die Mannschaft vorm Bayern-Spiel nicht verunsichern. Im Gegenteil.

Aus diesen fünf Zweikampfstarken lässt sich ein Block bilden, an dem Stürmer viel schwerer vorbeikommen als an Ömer Toprak, Erik Durm, Marc Bartra oder Matthias Ginter, die sich in den Jahren davor als Abwehrspieler beim BVB versuchten. Und so kassierte der BVB in dieser Saison zwar in der allerersten Minute ein Tor durch die Leipziger, seitdem aber erst neun weitere. Zehn Spiele, 10 Gegentore – für eine offensiv ausgerichtete Elf ist das ein guter Wert, besser war er in Dortmund zuletzt in den Meisterjahren 2011 und 2012.

Neue Hoffnung gibt es auch im Sturm. Dass Dortmund schon 30 Tore erzielt hat, liegt nicht zuletzt an Paco Alcácer, der Ende August aus Barcelona kam. In fünf Spielen traf er, obwohl manchmal nur eingewechselt, sieben Mal. Der Spanier ist ein zielstrebiger Torjäger, der auf verschiedene Weise trifft: mal mit einem Reflex, wie in Leverkusen, mal durch einen Fernschuss mit dem schwachen linken Fuß, wie gegen Frankfurt, mal mit einem lässigen Chip, wie in Stuttgart. Er kann aber auch Angriffe mit Pässen und Laufwegen im Mittelfeld in die Wege leiten. Zum ersten Mal seit Jahren ist nicht mehr klar, welcher Verein den besten Stürmer der Liga hat. Alcácer hat vielleicht mehr drauf als Robert Lewandowski, technisch auf jeden Fall.

Alcácer ergänzt die bereits vorhandene Talentsammlung der Dortmunder Offensive. Es gibt die ganz jungen Christian Pulisic (20), Jadon Sancho (18), Jacob Bruun Larsen (20), die Bezeichnung trifft aber auch auf die etwas älteren Marco Reus und Mario Götze zu. Sie alle spielen nicht unbedingt konstant auf hohem Niveau, manchmal nicht mal während eines ganzen Spiels. Aber ihr Können im Eins-gegen-Eins kann jederzeit aufblitzen. Noch eine beeindruckende Zahl: Vierzehn verschiedene Profis schossen die Dortmunder Tore.

Unter dem neuen BVB-Trainer Lucien Favre trumpfen Marco Reus und Mahmoud Dahoud auf. Favre kennt beide noch aus Gladbacher Zeiten. Er versteht es, seine Schützlinge perfekt ins Spiel zu integrieren und baut gleichzeitig schon deren Nachfolger-Generation auf. 

Matchwinner Marco Reus. Der 1:0-Siegtreffer gegen den VfL Wolfsburg war sein sechstes Saisontor im zehnten Bundesliga-Spiel. Seltenheitswert haben Reus-Treffer derzeit gewiss nicht. Unter Lucien Favre blüht der 29-jährige BVB-Kapitän auf. Nach seiner langen Verletzungspause in der vergangenen Saison und vor dem so wichtigen Bundesliga-Spiel gegen den FC Bayern München am Samstag (ab 18:30 Uhr im Liveticker auf ran.de) ist Reus fit wie nie. 

Der Mittelfeldspieler absolvierte in der Saison 2018/19 die meiste Einsatzzeit aller Dortmunder Feldspieler – trotz Favres Rotationsprinzip. Favre und Reus – das passt. Kein Wunder, schließlich kennen sich die beiden seit knapp zehn Jahren, bei Borussia Mönchengladbach war Favre später sein Trainer. "Er ist fachlich und menschlich der beste Trainer, den ich je hatte", schwärmte Reus August bei einem Fan-Talk von seinem Förderer. 

Unter Favre wurde Reus Nationalspieler, die beiden hielten bis zuletzt Kontakt. Favre versteht seinen Schützling, weiß ihn optimal einzusetzen. Reus spielt seit Wochen auf seiner Lieblingsposition, auf der Zehn, der BVB brennt ein Torfeuerwerk wie keine andere Bundesliga-Mannschaft ab. 

Marco Reus ist das beste Beispiel für den Favre-Effekt: Der Schweizer baut sein Team aus vielen jungen Spielern auf, denen er Mut macht und Vertrauen schenkt – über Jahre hinweg. Das zahlt sich aus. Derselbe Effekt lässt sich bei Mahmoud Dahoud erkennen. 

Beide kennen sich ebenfalls aus Gladbacher Zeit. Unter Favre stieg Dahoud in die Profimannschaft der "Fohlen" auf und machte in der Bundesliga auf sich aufmerksam. Nach seinem Wechsel zu Borussia Dortmund zur Saison 2017/18 kam der Einbruch. Elf Startelfeinsätze, zwölf Einwechslungen. Vier Assists. Nicht sein Anspruch.  

Seit Favre wieder sein Trainer ist, kann sich Dahoud wieder freuen. In sechs von zehn Bundesligaspielen stand der 22-Jährige auf dem Rasen, schoss dabei ein Tor. In Champions League und DFB-Pokal durfte er je zweifach ran. Dass er von Favre bevorzugt wird, davon will Dahoud aber nichts wissen. "Es bedeutet nichts, dass wir uns kannten", sagte er den "Ruhr Nachrichten". "Ich hatte in Gladbach unter ihm eine gute Zeit. Aber er stellt nach Trainingseinheiten und Leistung auf."

Trainer Lucien Favre ist ein Typ Menschenfänger. Einer, der den Spielern Zeit gibt und an sie glaubt. "Du hörst genau hin, was der Trainer von dir erwartet, siehst im Training, was ihm besonders wichtig ist. Lucien Favre legt großen Wert auf die Details. Wir Spieler merken, dass es auf die kleinen Dinge ankommt, um erfolgreich zu sein", beschreibt Reus in der "Sport Bild". 

Favre erkennt das Potenzial junger Spieler und fördert diejenigen, die woanders bereits abgeschrieben waren. In Nizza waren das zum Beispiel der ehemalige Bayern-Verteidiger Dante und Italiens als unzähmbar geltender Skandal-Stürmer Mario Balotelli. Nun zeigt sein Modell in Dortmund Wirkung. 

Die Mannschaft ist jung, spritzig, dynamisch. Der in die Kritik geratene Nachwuchsstürmer Jacob Bruun Larsen, der 2017/18 auf lediglich fünf Bundesliga-Spiele kam, hat unter dem neuen Coach eine neue Chance erhalten. Schon jetzt hat er sieben Bundesliga-Spiele, zwei Tore, ein Assist auf dem Konto – in der Startelf und als Joker ist Bruun Larsen für Favre wichtig. 

Unverzichtbar geworden ist gar Jadon Sancho, der beim BVB zum Phänomen avancierte. 18 Jahre jung ist der Flügelflitzer. Favre vertraut ihm – und der junge Brite zahlt es gnadenlos effektiv zurück. Zehn Spiele, vier Tore, sechs Assists. Sancho ist auf dem besten Weg zum neuen Superstar.

Sein Vorbild ist Marco Reus. "Ich sehe zu ihm auf wie ein Idol", sagte er der "Deutschen Welle" nach dem Wolfsburg-Spiel. Vielleicht wird er das eines Tages für die neue Generation sein, ein Idol.