Wenn Kovac in Dortmund verliert, dann wird es sehr eng für ihn
Lothar Matthäus: FC Bayern “hat Umbruch versäumt – auch in der Chefetage”
Kennt den Klub: Lothar Matthäus spielte von 1984 bis 1988 und von 1992 bis 2000 bei Bayern München. (Quelle: Hartenfelser/imago)

Ex-Spieler Lothar Matthäus übt Kritik an der Führungsriege des FC Bayern. Diese hätte deutlich verjüngt werden müssen. Besonders zwei Kandidaten hat er dafür im Blick.

Der 57-Jährige ist der Meinung, der FC Bayern habe es verpasst, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilten. “Sie hätten sich ja keinen Zacken aus der Krone gebrochen, wenn sie einen Mann wie Philipp Lahm oder Oliver Kahn dazugeholt hätten”, sagte er. “Sie haben das Unternehmen FC Bayern 30 Jahre und mehr auf höchstem Niveau geführt, sportlich wie wirtschaftlich, und haben weiter großen Einfluss. Aber sie sollten ein bisschen mehr auf den Nachwuchs hören. Auf einen wie Kehl in Dortmund, der eine andere Sicht hat und Dinge sieht, die sie vielleicht nicht mehr sehen können. Das hat der FC Bayern ganz sicher versäumt.”

Rekordnationalspieler Lothar Matthäus führt die aktuellen Probleme bei Bayern München auf Fehler der Bosse zurück und vermisst eine klare Handschrift von Trainer Niko Kovac. Der deutsche Fußball-Rekordmeister habe sowohl in der Mannschaft, als auch in der Führungsriege einen Umbruch versäumt, sagte der Sky-Experte.

Die Münchner hätten “in der Chefetage einen Jüngeren einbauen sollen mit größerer Verantwortung als sie Hasan Salihamidzic hat”, sagte Matthäus (57). Borussia Dortmund, am Samstag (ab 18.30 Uhr im Liveticker von t-online.de) im Bundesliga-Topspiel Gegner der Bayern, biete in vielerlei Hinsicht das Gegenbild zu seinem früheren Verein.

“Dortmund hat im Sommer die richtigen Veränderungen vorgenommen, auf dem Platz und außerhalb”, sagte Matthäus: “Viele haben ja gelacht oder zumindest geschmunzelt über die Verpflichtung von Matthias Sammer oder Sebastian Kehl, aber da ist hoher Sachverstand dazugekommen.” Beide seien “Glücksgriffe”.

In München hätten Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und Präsident Uli Hoeneß längst mehr Verantwortung abgeben müssen, meinte Matthäus: “Sie hätten sich ja keinen Zacken aus der Krone gebrochen, wenn sie einen Mann wie Philipp Lahm oder Oliver Kahn dazugeholt hätten. Sie haben das Unternehmen FC Bayern 30 Jahre und mehr auf höchstem Niveau geführt, sportlich wie wirtschaftlich, und haben weiter großen Einfluss. Aber sie sollten ein bisschen mehr auf den Nachwuchs hören.”

Im Interview mit dem "SID" zeigt Lothar Matthäus die Fehler der Bayern-Bosse auf. Zudem kritisiert er Bayern-Trainer Niko Kovac.

Sportdirektor Salihamidzic sei von den Bossen dagegen zuletzt auf der legendären Pressekonferenz unnötig geschwächt worden. “So etwas darf nicht passieren”, betonte Matthäus: “Auch die Spieler bekommen mit: Hasan hat da oben nicht so viel zu sagen, wie man es eigentlich von einem Sportdirektor erwartet.”

Auch bei Trainer Kovac sieht Matthäus Fehler. “Wenn das Spiel des FC Bayern der Spiegel der Trainingseinheiten ist, dann ist da ganz sicher einiges versäumt worden”, sagte er. In Kovacs Mannschaft sei keine Hierarchie erkennbar, Dortmund dagegen “hat die ganz klar”.

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

WELT: Herr Matthäus, in den 90er-Jahren haben Sie als Spieler beim FC Bayern mitunter wilde Zeiten erlebt. Derzeit ist es rund um den Klub unruhig wie lange nicht. Ist er wieder der FC Hollywood?

Lothar Matthäus: Es geht derzeit einiges in diese Richtung. Das hängt in erster Linie mit den Ergebnissen zusammen, und die haben zuletzt nicht gestimmt, genauso wie die Leistungen der Mannschaft. Zudem tragen einige Aussagen der Verantwortlichen, der Spieler und nun auch die einer Spielerfrau zu der Unruhe bei. Dass so viel aus der Kabine dringt zeigt, dass mehrere Spieler nicht zufrieden sind mit ihrer Rolle und ihrem Trainer. Von außen gibt es daher derzeit viel Schadenfreude, für die Bundesliga ist die entstandene Spannung gut. Der FC Bayern muss selbst dafür sorgen, dass wieder der Fußball im Fokus steht. Es sind nicht die Medien Schuld an der Unruhe, der Verein hat sich selbst in die aktuelle Situation gebracht. Er ist für mich eine Herzensangelegenheit, ich würde gern positiver über ihn sprechen. Doch er performt derzeit einfach nicht.

WELT: Lisa, die Ehefrau Thomas Müllers, hat Niko Kovac während des 1:1 gegen den SC Freiburg bei Instagram kritisiert. Was sagt das über die Autorität des Trainers aus?

Matthäus: Ich verstehe Lisa, sie wollte ihren Mann unterstützen. Thomas wird zuhause deutlich gemacht haben, dass er mit seiner Situation nicht zufrieden ist. James und Robert Lewandowski haben ihren Unmut gegenüber Journalisten geäußert, Thomas gegenüber seiner Frau. Nach außen hin hat er seine lustigen Sprüche gemacht, mit Lisa hat er offenbar in den vergangenen Wochen anders gesprochen.

WELT: Wie geschwächt ist Kovac durch diese Aktion und die vielen Interna, die aus der Kabine nach außen dringen?

Matthäus: Niko hat die Mannschaft nicht komplett hinter sich. Und gerade bei Bayern ist es für einen Trainer enorm wichtig, den Rückhalt der Spieler zu haben. Niko ist ein guter Trainer, doch er hat den Fehler gemacht, dass er am Anfang der Saison alle gleich behandeln wollte. Wenn du aber alle gleich behandelst hast du keine Häuptlinge. Die Spieler, die immer Häuptlinge, sprich Führungsspieler waren, wussten auf einmal nicht mehr, woran sie unter diesem Trainer sind. Das ist der Punkt, den die Mannschaft ihm vorwirft – ich denke da an Arjen Robben, Franck Ribéry, Mats Hummels und Jérôme Boateng. Manuel Neuer und Robert Lewandowski spielen immer, haben von ihren Positionen her aber den geringsten Einfluss auf die Mannschaft. Ich vermisse bei der Mannschaft die Souveränität, und das liegt auch daran, dass die wichtigen Spieler nicht wissen, welches Standing sie haben. Wer Häuptling und wer Indianer ist. Dieser Fehler ist für einen Bayern-Trainer nur sehr schwer auszubügeln.

Matthäus: Die Atmosphäre in der Mannschaft kann ohne funktionierende Hierarchie und Rollenverteilung nicht gut sein. Niko hat von Anfang an ein großes Herz gezeigt: Er wollte Leon Goretzka spielen lassen, Serge Gnabry, er wollte alle spielen lassen. Dann kamen die Verletzten dazu in einem Kader, der generell nicht sehr breit aufgestellt war. Es gibt in der Mannschaft Ich-AGs, und bei denen geht es mehr um das Persönliche als um den FC Bayern. Kein Spieler darf sich über den Verein stellen, das müssen sie akzeptieren.

Matthäus: Hasan ist mehr ein Kumpeltyp. Er weiß vielleicht nicht, was er in Interviews sagen darf. Bei der Pressekonferenz der Klubbosse hat Karl-Heinz Rummenigge eine an ihn gerichtete Frage beantwortet. Hasan mag da drüberstehen, doch die Mannschaft bekommt das natürlich mit. Das hat Hasan geschwächt. Man hat Hasan angreifbar gemacht. Er galt ja von Anfang an als zweite Wahl, weil der Klub Philipp Lahm nicht bekommen hat. Gerade dann muss man einen Sportdirektor stärken. Das ist dem FC Bayern nicht gelungen. Es ist nicht zu erkennen, dass Hasan die Unterstützung bekommt, die er braucht.

Matthäus: Er ist ein ganz anderer Typ als Matthias Sammer. Hasan ist eher ruhiger und regelt die Dinge hinter verschlossenen Türen, das muss man akzeptieren. Er arbeitet von morgens bis abends, auch in Sachen Nachwuchsförderung und Scouting. Öffentlich versucht er, mit einem Augenzwinkern gewisse Dinge wegzulächeln. Doch das langt nicht.

Matthäus: In den vergangenen sechs Jahren hat der FC Bayern den deutschen Fußball dominiert wie selten eine Mannschaft zuvor, und dazu haben die beiden entscheidend beigetragen. Jetzt funktioniert vieles nicht, weil man die Mannschaft nicht so verjüngt hat, wie man es hätte machen können. Sie haben in Niko einen talentierten Trainer verpflichtet, der in Frankfurt großartige Arbeit geleistet hat. Doch derzeit zeigt sich das, was James gesagt hat: Frankfurt ist nicht Bayern München. Das ist eine Stufe höher. Du hast hier mit absoluten Weltstars zu tun, die alles erreicht haben. In Frankfurt hat Niko viel aufgebaut, in München hätte er eigentlich nur das bei Laune halten müssen, was Jupp Heynckes ihm übergeben hat.

WELT: Ihr Experten-Kollege Dietmar Hamann sagte, Kovac Schicksal sei besiegelt – unabhängig vom Ausgang des Spiels in Dortmund. Kovac werde in München nicht alt.

Matthäus: Wenn Niko in dieser Woche die Kabine nicht zurückgewinnt, wenn er in Dortmund verliert, dann wird es sehr eng für ihn. Bayern wäre dann sieben Punkte hinter dem BVB, die Stimmung in der Mannschaft sicher nicht besser als jetzt, und wegen der Länderspielpause wären die Spieler zwei Wochen weg. Bayern hatte zuletzt ja nicht nur in der Bundesliga Probleme, auch im Pokal und in der Champions League war wenig Überzeugendes dabei.

Matthäus: Von der Form her Dortmund. Allerdings ist es für die Bayern eine Frage der Ehre. Die Intelligenz und Bereitschaft der Spieler ist jetzt gefragt. Es ist ein ideales Spiel für den Klub, wieder einiges zurecht zu rücken. Es ist der ideale Zeitpunkt, um die Wende einzuläuten. Wenn das nicht gelingt, wird es schwierig für Kovac, Weihnachten noch Trainer des FC Bayern zu sein.

Matthäus: In Dortmund zählt nur das Ergebnis. Im Falle einer Niederlage dürfte Uli wohl von dieser Aussage abrücken. Die Trainerdiskussion wäre dann in vollem Gange. Die Gesetze des Fußballs gelten nicht nur für die 17 anderen Vereine der Bundesliga, sie gelten auch für den FC Bayern. Rummenigge hat von drei Titel gesprochen, der Klub hat hohe Ansprüche.

WELT: Eine Beurlaubung Kovacs wäre für die Klubbosse ein Eingeständnis. Kovac war für Sie im Frühjahr der kleinste, gemeinsame Nenner.

Matthäus: Ich glaube, dass die Entscheidung pro Kovac eher von Uli und Hasan ausging. Rummenigge hatte damals bei Jürgen Klinsmann und Carlo Ancelotti mehr das Entscheidungsrecht, jetzt war es mal wieder umgekehrt.

Matthäus: In gewisser Weise ja. Die Dortmunder wirken auf mich wesentlich stabiler als die Bayern und sind besser besetzt. Sollte die Borussia Samstag gewinnen würde ich mein Vermögen nicht mehr auf Bayern als Meister setzen (lacht). Dann wäre die Meisterschaft sehr offen und Dortmund der Favorit auf den Titelgewinn.

WELT: Bis vor kurzem galt bei Bayern der Satz Louis van Gaals: Müller spielt immer! Jetzt nicht mehr. Was ist das Problem des Weltmeisters?

Matthäus: Thomas hat am Anfang der Saison funktioniert, und ihm musst du auch mal zwei schwächere Spiele zugestehen. Denn er ist das Gesicht des FC Bayern, wie es Marco Reus bei Dortmund ist und wie es Lahm und Bastian Schweinsteiger früher in München waren. So ein Spieler stärkt man eigentlich, auch wenn er nicht in jedes Konzept des Trainers passt. Man muss ihn nehmen, wie er ist. Wenn man das nicht tut, macht man als Trainer des FC Bayern meiner Meinung nach einen Fehler. Thomas hat eine enorme Strahlkraft, auf die Fans und die Verantwortlichen des Klubs. Deswegen hat der Klub mit ihm auch langfristig verlängert.

Matthäus: Ganz einfach: Er muss die Spieler für seine Startelf finden, die charakterlich so zusammenpassen, dass sie in Dortmund als echte Mannschaft auftreten. Nicht das eigene Ego darf im Vordergrund stehen, sondern der Verein. Wenn eine Mannschaft mit dem Druck in diesem Spiel umgehen kann, dann ist es die des FC Bayern. Auch wenn die älteren Spieler etwas langsamer geworden sind und es keine zukunftsweisende Maßnahme wäre sollte der Trainer jetzt auf die Erfahrung im Kader setzen. Wenn diese Spieler in Dortmund zeigen, dass es richtig war ihnen zu vertrauen, hat Niko endlich wieder den nötigen Stamm von 13 bis 14 Spielern. Ich traue Niko zu, dass er die Wende schafft. Doch es wird sehr schwierig.

WELT: Im Fußball gilt der Spruch: Wer in Winter nachkaufen muss, hat im Sommer nicht gut gearbeitet. Müssen die Bayern in der Winterpause Spieler verpflichten?

Matthäus: Bayern hat im Sommer den ein oder anderen Spieler zu voreilig verkauft. Dennoch glaube ich nicht, dass Bayern im Winter auf dem Transfermarkt tätig werden wird. Die verletzten Spieler kommen bis zur Rückrunde ja zurück, und auf der Bank sitzen auch jetzt Nationalspieler. So schlecht ist der Kader also nicht.

Matthäus: Bayern gewinnt 2:1. Dortmund spielt offensiver als viele Mannschaft, gegen die sie zuletzt gespielt haben. Das könnte Bayern entgegenkommen, sie dürften etwas mehr Räume auf dem Spielfeld haben.

0 Anzeige Lothar Matthäus, 57, ist weiterhin gern und oft in München. Deutschlands Fußball-Rekordnationalspieler (150 Länderspiele) lebt seit einigen Jahren in Ungarns Hauptstadt Budapest und fliegt von dort regelmäßig in die bayerische Metropole, wo er sich immer in dasselbe Hotel in der Innenstadt einbucht. Als der Sky-Experte zum Gespräch mit WELT im Restaurant des Fünf-Sterne-Hauses erscheint, drehen sich die Köpfe der anderen Gäste, ein Mann zückt sofort sein iPad und fotografiert. Das Topspiel der Bundesliga zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern am Samstag (18.30 Uhr, Sky und im WELT-Liveticker) wird Matthäus im Stadion verfolgen.

WELT: Herr Matthäus, in den 90er-Jahren haben Sie als Spieler beim FC Bayern mitunter wilde Zeiten erlebt. Derzeit ist es rund um den Klub unruhig wie lange nicht. Ist er wieder der FC Hollywood?

Lothar Matthäus: Es geht derzeit einiges in diese Richtung. Das hängt in erster Linie mit den Ergebnissen zusammen, und die haben zuletzt nicht gestimmt, genauso wie die Leistungen der Mannschaft. Zudem tragen einige Aussagen der Verantwortlichen, der Spieler und nun auch die einer Spielerfrau zu der Unruhe bei. Dass so viel aus der Kabine dringt zeigt, dass mehrere Spieler nicht zufrieden sind mit ihrer Rolle und ihrem Trainer. Von außen gibt es daher derzeit viel Schadenfreude, für die Bundesliga ist die entstandene Spannung gut. Der FC Bayern muss selbst dafür sorgen, dass wieder der Fußball im Fokus steht. Es sind nicht die Medien Schuld an der Unruhe, der Verein hat sich selbst in die aktuelle Situation gebracht. Er ist für mich eine Herzensangelegenheit, ich würde gern positiver über ihn sprechen. Doch er performt derzeit einfach nicht.

WELT: Lisa, die Ehefrau Thomas Müllers, hat Niko Kovac während des 1:1 gegen den SC Freiburg bei Instagram kritisiert. Was sagt das über die Autorität des Trainers aus?

Matthäus: Ich verstehe Lisa, sie wollte ihren Mann unterstützen. Thomas wird zuhause deutlich gemacht haben, dass er mit seiner Situation nicht zufrieden ist. James und Robert Lewandowski haben ihren Unmut gegenüber Journalisten geäußert, Thomas gegenüber seiner Frau. Nach außen hin hat er seine lustigen Sprüche gemacht, mit Lisa hat er offenbar in den vergangenen Wochen anders gesprochen.

Meinung Spielerfrau Lisa Müllers Post könnte der Anfang von Kovac Ende sein WELT: Wie geschwächt ist Kovac durch diese Aktion und die vielen Interna, die aus der Kabine nach außen dringen?

Matthäus: Niko hat die Mannschaft nicht komplett hinter sich. Und gerade bei Bayern ist es für einen Trainer enorm wichtig, den Rückhalt der Spieler zu haben. Niko ist ein guter Trainer, doch er hat den Fehler gemacht, dass er am Anfang der Saison alle gleich behandeln wollte. Wenn du aber alle gleich behandelst hast du keine Häuptlinge. Die Spieler, die immer Häuptlinge, sprich Führungsspieler waren, wussten auf einmal nicht mehr, woran sie unter diesem Trainer sind. Das ist der Punkt, den die Mannschaft ihm vorwirft – ich denke da an Arjen Robben, Franck Ribéry, Mats Hummels und Jérôme Boateng. Manuel Neuer und Robert Lewandowski spielen immer, haben von ihren Positionen her aber den geringsten Einfluss auf die Mannschaft. Ich vermisse bei der Mannschaft die Souveränität, und das liegt auch daran, dass die wichtigen Spieler nicht wissen, welches Standing sie haben. Wer Häuptling und wer Indianer ist. Dieser Fehler ist für einen Bayern-Trainer nur sehr schwer auszubügeln.

Matthäus: Die Atmosphäre in der Mannschaft kann ohne funktionierende Hierarchie und Rollenverteilung nicht gut sein. Niko hat von Anfang an ein großes Herz gezeigt: Er wollte Leon Goretzka spielen lassen, Serge Gnabry, er wollte alle spielen lassen. Dann kamen die Verletzten dazu in einem Kader, der generell nicht sehr breit aufgestellt war. Es gibt in der Mannschaft Ich-AGs, und bei denen geht es mehr um das Persönliche als um den FC Bayern. Kein Spieler darf sich über den Verein stellen, das müssen sie akzeptieren.

Matthäus (2. von links) mit den Bayern-Bossen Rummenigge (links) und Hoeneß (rechts) sowie Sportchef Salihamidzic Quelle: dpa/Arne Dedert

Matthäus: Hasan ist mehr ein Kumpeltyp. Er weiß vielleicht nicht, was er in Interviews sagen darf. Bei der Pressekonferenz der Klubbosse hat Karl-Heinz Rummenigge eine an ihn gerichtete Frage beantwortet. Hasan mag da drüberstehen, doch die Mannschaft bekommt das natürlich mit. Das hat Hasan geschwächt. Man hat Hasan angreifbar gemacht. Er galt ja von Anfang an als zweite Wahl, weil der Klub Philipp Lahm nicht bekommen hat. Gerade dann muss man einen Sportdirektor stärken. Das ist dem FC Bayern nicht gelungen. Es ist nicht zu erkennen, dass Hasan die Unterstützung bekommt, die er braucht.

Matthäus: Er ist ein ganz anderer Typ als Matthias Sammer. Hasan ist eher ruhiger und regelt die Dinge hinter verschlossenen Türen, das muss man akzeptieren. Er arbeitet von morgens bis abends, auch in Sachen Nachwuchsförderung und Scouting. Öffentlich versucht er, mit einem Augenzwinkern gewisse Dinge wegzulächeln. Doch das langt nicht.

Matthäus: In den vergangenen sechs Jahren hat der FC Bayern den deutschen Fußball dominiert wie selten eine Mannschaft zuvor, und dazu haben die beiden entscheidend beigetragen. Jetzt funktioniert vieles nicht, weil man die Mannschaft nicht so verjüngt hat, wie man es hätte machen können. Sie haben in Niko einen talentierten Trainer verpflichtet, der in Frankfurt großartige Arbeit geleistet hat. Doch derzeit zeigt sich das, was James gesagt hat: Frankfurt ist nicht Bayern München. Das ist eine Stufe höher. Du hast hier mit absoluten Weltstars zu tun, die alles erreicht haben. In Frankfurt hat Niko viel aufgebaut, in München hätte er eigentlich nur das bei Laune halten müssen, was Jupp Heynckes ihm übergeben hat.

WELT: Ihr Experten-Kollege Dietmar Hamann sagte, Kovac Schicksal sei besiegelt – unabhängig vom Ausgang des Spiels in Dortmund. Kovac werde in München nicht alt.

Matthäus: Wenn Niko in dieser Woche die Kabine nicht zurückgewinnt, wenn er in Dortmund verliert, dann wird es sehr eng für ihn. Bayern wäre dann sieben Punkte hinter dem BVB, die Stimmung in der Mannschaft sicher nicht besser als jetzt, und wegen der Länderspielpause wären die Spieler zwei Wochen weg. Bayern hatte zuletzt ja nicht nur in der Bundesliga Probleme, auch im Pokal und in der Champions League war wenig Überzeugendes dabei.

Matthäus: Von der Form her Dortmund. Allerdings ist es für die Bayern eine Frage der Ehre. Die Intelligenz und Bereitschaft der Spieler ist jetzt gefragt. Es ist ein ideales Spiel für den Klub, wieder einiges zurecht zu rücken. Es ist der ideale Zeitpunkt, um die Wende einzuläuten. Wenn das nicht gelingt, wird es schwierig für Kovac, Weihnachten noch Trainer des FC Bayern zu sein.

Matthäus: In Dortmund zählt nur das Ergebnis. Im Falle einer Niederlage dürfte Uli wohl von dieser Aussage abrücken. Die Trainerdiskussion wäre dann in vollem Gange. Die Gesetze des Fußballs gelten nicht nur für die 17 anderen Vereine der Bundesliga, sie gelten auch für den FC Bayern. Rummenigge hat von drei Titel gesprochen, der Klub hat hohe Ansprüche.

WELT: Eine Beurlaubung Kovacs wäre für die Klubbosse ein Eingeständnis. Kovac war für Sie im Frühjahr der kleinste, gemeinsame Nenner.

Matthäus: Ich glaube, dass die Entscheidung pro Kovac eher von Uli und Hasan ausging. Rummenigge hatte damals bei Jürgen Klinsmann und Carlo Ancelotti mehr das Entscheidungsrecht, jetzt war es mal wieder umgekehrt.

Matthäus: In gewisser Weise ja. Die Dortmunder wirken auf mich wesentlich stabiler als die Bayern und sind besser besetzt. Sollte die Borussia Samstag gewinnen würde ich mein Vermögen nicht mehr auf Bayern als Meister setzen (lacht). Dann wäre die Meisterschaft sehr offen und Dortmund der Favorit auf den Titelgewinn.

WELT: Bis vor kurzem galt bei Bayern der Satz Louis van Gaals: Müller spielt immer! Jetzt nicht mehr. Was ist das Problem des Weltmeisters?

Matthäus: Thomas hat am Anfang der Saison funktioniert, und ihm musst du auch mal zwei schwächere Spiele zugestehen. Denn er ist das Gesicht des FC Bayern, wie es Marco Reus bei Dortmund ist und wie es Lahm und Bastian Schweinsteiger früher in München waren. So ein Spieler stärkt man eigentlich, auch wenn er nicht in jedes Konzept des Trainers passt. Man muss ihn nehmen, wie er ist. Wenn man das nicht tut, macht man als Trainer des FC Bayern meiner Meinung nach einen Fehler. Thomas hat eine enorme Strahlkraft, auf die Fans und die Verantwortlichen des Klubs. Deswegen hat der Klub mit ihm auch langfristig verlängert.

Matthäus: Ganz einfach: Er muss die Spieler für seine Startelf finden, die charakterlich so zusammenpassen, dass sie in Dortmund als echte Mannschaft auftreten. Nicht das eigene Ego darf im Vordergrund stehen, sondern der Verein. Wenn eine Mannschaft mit dem Druck in diesem Spiel umgehen kann, dann ist es die des FC Bayern. Auch wenn die älteren Spieler etwas langsamer geworden sind und es keine zukunftsweisende Maßnahme wäre sollte der Trainer jetzt auf die Erfahrung im Kader setzen. Wenn diese Spieler in Dortmund zeigen, dass es richtig war ihnen zu vertrauen, hat Niko endlich wieder den nötigen Stamm von 13 bis 14 Spielern. Ich traue Niko zu, dass er die Wende schafft. Doch es wird sehr schwierig.

Der FC Bayern München befindet sich zur Zeit in einer schwierigen Phase mit durchwachsenen Auftritten. Joshua Kimmich, Robert Lewandowski und Hasan Salihamidzic äußern sich nun dazu.

WELT: Im Fußball gilt der Spruch: Wer in Winter nachkaufen muss, hat im Sommer nicht gut gearbeitet. Müssen die Bayern in der Winterpause Spieler verpflichten?

Matthäus: Bayern hat im Sommer den ein oder anderen Spieler zu voreilig verkauft. Dennoch glaube ich nicht, dass Bayern im Winter auf dem Transfermarkt tätig werden wird. Die verletzten Spieler kommen bis zur Rückrunde ja zurück, und auf der Bank sitzen auch jetzt Nationalspieler. So schlecht ist der Kader also nicht.

Matthäus: Bayern gewinnt 2:1. Dortmund spielt offensiver als viele Mannschaft, gegen die sie zuletzt gespielt haben. Das könnte Bayern entgegenkommen, sie dürften etwas mehr Räume auf dem Spielfeld haben.