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Darmstadt – Eltern vor Gericht: Zahnarzt-Paar schweigt zur Tat
Vor der anstehenden Zwangsräumung ihres Hauses sollen Eheleute in Hessen ihre Kinder getötet haben. Ihren anschließenden Suizidversuch überlebten sie. Vor Gericht ging es nun um den Weg in die Katastrophe.

Jahrgang 1974, studierte Politikwissenschaft und Germanistik, volontierte 1999 bei der Münchner “Abendzeitung”, war dort jahrelang Polizeireporterin. Ab 2006 Reporterin bei SPIEGEL ONLINE, wechselte 2014 als Gerichtsreporterin zum SPIEGEL.

Sie haben sich seit jenem 31. August vergangenen Jahres nicht wiedergesehen. Bei ihrer ersten Begegnung im Alten Schwurgerichtssaal des Landgerichts Darmstadt schenken sich Christiane und Werner H. keinen Blick. Sie sind verheiratet, beide Zahnmediziner, Eltern zweier gemeinsamer Kinder. Doch der Junge, 13, und das Mädchen, 10, leben nicht mehr.

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Eltern sollen ihre Kinder im Haus verbrannt haben

Oberstaatsanwalt Klaus Tietze-Kattge erhebt sich und trägt vor, dass Christiane und Werner H. wegen Mordes an ihren Kindern und besonders schwerer Brandstiftung angeklagt sind. Sie sollen angesichts der bevorstehenden Zwangsräumung ihres Anwesens in Mörlenbach, einer idyllischen Gemeinde im Odenwald, gemeinsam einen tödlichen Plan gefasst haben: Die Kinder im Schlaf zu töten, das gemeinsame Zuhause zu zerstören, die komplette Familie auszulöschen.

Fast sieben Monate nach dem Fund zweier toter Kinder in einem brennenden Haus in Südhessen beginnt der Prozess gegen deren Eltern. Vater und Mutter stehen von heute an vor dem Landgericht Darmstadt. Die Staatsanwaltschaft hat den 59 Jahre alten Mann und seine 13 Jahre jüngere Frau wegen Mordes angeklagt. Außerdem wird dem Paar besonders schwere Brandstiftung vorgeworfen.

In der Nacht zum 31. August – wenige Stunden, bevor die neuen Eigentümer zur Übergabe des Hauses samt Grundstück erscheinen wollten – sollen Christiane und Werner H. die Kinder in ihren Betten mit einem Jagdmesser erstochen haben. Mindestens 25 Mal soll der Vater mit einem Zimmermannhammer auf die Köpfe seiner Kinder eingeschlagen haben. Anschließend sollen die Eltern an zahlreichen Stellen im Haus Benzin verteilt und entzündet haben, um “die brutale Tötung ihrer Kinder zu verschleiern”, sagt Tietze-Kattge.

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Als das Feuer entfacht war, sollen die Eheleute versucht haben, sich mit Autoabgasen in ihrer Garage das Leben zu nehmen. Als der Brand bemerkt wurde, bargen Feuerwehrleute zunächst die Leichen der Kinder, dann entdeckten sie die Eltern in der Garage: bewusstlos, aber am Leben.

Wie groß kann Verzweiflung sein? Wie klein die Hoffnung? Gab es Vorboten für eine derartige Katastrophe? Wer hat welchen Tatbeitrag geleistet? Antworten auf diese Fragen muss nun die 11. Strafkammer unter dem Vorsitz von Volker Wagner suchen.

Nachdem eine Räumung immer wieder verschoben werden konnte, lehnte das Amtsgericht in Fürth (Odenwaldkreis) schließlich einen weiteren Aufschub ab. Einem Gutachter zufolge, der mit den Eheleute einzeln gesprochen hatte, schilderten beide den letzten Tag der Familie in dramatischer Weise. Demnach scheiterte zunächst der letzte Versuch, eine für den kommenden Tag anstehende Räumung aufzuschieben. Die Familie habe nach einer entsprechenden Mitteilung des Gerichts einen Ausflug nach Frankfurt unternommen. Während die beiden Kinder einen schönen Nachmittag gehabt hätten, sei den Eltern die Situation zunehmend als aussichtslos erschienen. Vor den Kindern habe man die schwierige Situation nicht thematisiert.

Die ersten Antworten gibt Werner H. selbst. Der Angeklagte, ein großer, schwerer Mann, 59 Jahre alt, zweifach promoviert in Medizin und Zahnmedizin, spezialisiert auf Kiefer- und Gesichtschirurgie, berichtet ausführlich über seine Kindheit in Niedersachsen und seine medizinische Ausbildung. Er spart nicht mit Eigenlob. Ende der Neunzigerjahre eröffnete er eine eigene Praxis in Weinheim an der Bergstraße, er spricht von “Senkrechtstart” und “fürstlichem Ergebnis”.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen zweifachen Mord aus Heimtücke und Brandstiftung zur Verdeckung einer Straftat vor. Eine Obduktion ergab, dass die Kinder Opfer eines Gewaltverbrechens wurden. Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Klaus Tietze-Kattge soll der Angeklagte die beiden 10 und 13 Jahre alten Kinder in ihren Betten mit zahlreichen Messerstichen an Hals und Brust schwer verletzt haben, später soll er mit einem Hammer auf die Köpfe eingeschlagen haben. Danach habe er Benzin auf den Betten und in die Kinderzimmern ausgeschüttet und angezündet. Das Paar selbst wurde am frühen Morgen aus einem Auto mit laufendem Motor in der Garage des Hauses gerettet. Die Eltern kamen in Untersuchungshaft.

Werner H. verliebte sich in seine 13 Jahre jüngere Praxiskollegin Christiane, verließ seine Ehefrau samt Tochter und kaufte mit der Neuen das 1300 Quadratmeter große Grundstück in Mörlenbach. Sie bauten ein großes Eigenheim, ausgestattet mit drei Kinderzimmern, Spitzboden und Sauna. In den Jahren 2004 und 2007 kamen die Kinder zur Welt, um die sich hauptsächlich die Mutter kümmerte. “Es war einfach alles perfekt”, sagt Werner H.

Erst im November 2013 erfolgte die Scheidung von seiner ersten Ehefrau, im April 2014 heirateten Werner und Christiane H. Da war schon nicht mehr alles so perfekt. Sie seien “von Wirtschaftlichkeitsprüfungen übersät” worden, sagt Werner H. Hinzu kamen Rückstände bei den Sozialbeiträgen und Mietzahlungen. Im November 2015 wurde Insolvenzantrag gestellt, die Praxis geschlossen.

Christiane H. sagt vor Gericht, sie habe von all dem nichts mitbekommen. “Für mich völlig überraschend und unvorhersehbar kam die Insolvenz”, so die 46-Jährige. Sie ist der optische Gegenentwurf zu ihrem Mann: klein, schmal, mit fast kindlicher Figur. Er wirkt Jahre älter, sie Jahre jünger. Mit der Insolvenz habe “aus heutiger Sicht dieses völlig widersinnige Ringen ums Eigentum” begonnen, sagt sie mit leiser Stimme, den Kopf gesenkt.

Vielleicht täuschte sie auch der Umgang ihres Mannes mit der finanziellen und wirtschaftlichen Schieflage: Er schloss noch im Mai 2015 für einen dritten Ferrari einen Leasingvertrag ab und berappte – wie auch immer – pro Jahr etwa 150.000 Euro Raten für alle drei Sportwagen. Ein Mann, der seiner ersten Tochter seit der Trennung von deren Mutter keinen Unterhalt zahlte.

Wie es zur Tragödie kommen konnte, dazu wollen an diesem ersten Verhandlungstag weder Werner H. noch Christiane H. etwas sagen. So bittet Richter Wagner den psychiatrischen Sachverständigen Henning Saß darum, der mit beiden nach der Tat gesprochen hat.

Werner H. habe ihm gegenüber vom “legendären Donnerstag” gesprochen, sagt Saß. Dem 30. August 2018 also, als das Ehepaar das Fax erreichte, wonach das Anwesen, das bereits im April zwangsversteigert worden war, nun am nächsten Tag übergeben werden müsse. Seine Frau verschickte daraufhin mehrere Faxe, in der Hoffnung, die Räumung noch aufschieben zu können.

Für Werner H. sei “das Schicksal besiegelt” gewesen. Räumung, Auszug, womöglich Umzug in eine Sozialwohnung, das alles begleitet mit einem Aufgebot von Polizei, Gerichtsvollzieher und Insolvenzverwalter – das sei für ihn keine Option gewesen, so sagte er es dem psychiatrischen Gutachter zufolge.

Zugleich habe er ihm den Film beschrieben, der wieder und wieder vor seinem geistigen Auge abgelaufen sei: Seine beiden Kinder verlassen ihr Zuhause mit je einem Köfferchen in der einen Hand; auf der Straße gegenüber steht der Insolvenzverwalter, grinsend, als wolle er mitteilen: Euch habe ich es gezeigt.

Als die Kinder abends schliefen, berichtete Werner H. seiner Frau von dem Film in seinem Kopf, der ihn begleitete. “Unser Ende ist gekommen”, soll seine Frau gesagt haben, beide hätten die Räumung nicht erleben wollen. So schilderte er es dem Gutachter. Sie hätten überlegt, wie sie ihren Leben ein Ende bereiten könnten.

Für ihn sei es das erste Mal im Leben gewesen, dass er nicht weiterwusste, sagte Werner H. im Gespräch mit Saß. Er und seine Frau kramten demnach Beruhigungstabletten heraus und schluckten sie mit Bier. Als seine Frau einen Rucksack mit Papieren und wichtigen Dokumenten samt Notiz für die Schildkröten vor das Haus der Nachbarn gestellt habe, will Werner H. im Alleingang die Kinder getötet, drei Kanister Benzin verschüttet und angezündet haben.

Er habe sich gedacht: Wenn wir aus dem Leben scheiden, was passiert dann mit den Kindern? “Klar und plastisch” habe ihm Werner H. beschrieben, wie er seinen Sohn und seine Tochter getötet habe, sagt Saß und bescheinigt dem Angeklagten eine egozentrische Persönlichkeit. Dieser sei ein Egomane ohne viel soziale Reflexion. Mit dieser Einschätzung habe Saß es “ganz gut getroffen”, sagt Werner H. vor Gericht.

Mit seiner aus der Nachbarschaft zurückgekehrten Frau habe er sich schließlich in der Garage ins Auto gesetzt und sei eingeschlafen, sagte Werner H. Beide kamen erst im Klinikum Mannheim wieder zu sich.

Auch mit Christiane H. sprach Saß. Sie konnte sich demnach nur daran erinnern, dass sie nach ihrer Rückkehr von Frankfurt an jenem 30. August auf ihr versendetes Fax an mehrere Stellen keine Antwort erhalten habe. Ab diesem Moment seien ihre Erinnerungen ausgelöscht.

Es klingt so unendlich zynisch, was der Mann auf der Anklagebank sagt: Ich habe meine Kinder geliebt – denn laut Staatsanwaltschaft tötete er gemeinsam mit seiner Frau eben jene Kinder.

Darmstadt – Das Zahnarzt-Ehepaar Dr. Dr. Werner H. (59) und Dr. Christiane H. (46) versucht, die Gesichter zu verstecken, als es den Gerichtssaal betritt.

Aus Scham? Aus Reue? Die beiden sollen im Sommer vergangenen Jahres ihre Kinder Emilia (10) und Anton (13) auf unvorstellbar grausame Art getötet haben. Anschließend wollten sie sich in ihrem laufenden Auto in der Garage das Leben nehmen. Sie wurden gerettet. Und müssen sich seit Freitag vor dem Landgericht Darmstadt wegen Mordes verantworten.

Oberstaatsanwalt Klaus Titze-Kattge wirft den beiden zweifachen Mord aus Heimtücke und Brandstiftung zur Verdeckung einer Straftat vor. Die Eheleute fassten anlässlich der drohenden Zwangsräumung ihres Hauses den Entschluss, die beiden gemeinsamen Kinder im Schlaf zu töten und sich danach gemeinsam zu töten.

Nach der erschütternden Familientragödie im südhessischen Mörlenbach ist ein Haftbefehl gegen die Eltern ergangen.

Zu der Tat wollten sich beide Angeklagte nicht äußern. Ich habe meine Tat in eine Schublade getan, so H. Außerdem sagte er über die wirtschaftlichen Probleme und einen Insolvenzantrag seiner Praxis aus. Zur Tat wollte er sich zunächst nicht äußern.

Gegen ihn wurde Ende 2015 ein Insolvenzantrag und seine Praxis geschlossen. Vor der Garage standen lange ein Ferrari, ein Porsche und ein Boot. Irgendwann war alles einfach weg, sagte ein Nachbar.Im April wurden das Haus und das 1320 Quadratmeter große Grundstück für 575 000 Euro zwangsversteigert. Knapp eine Stunde vor der Zwangsräumung, legte das Paar den Brand.

Als Oberstaatsanwalt Titze-Kattge die Details der Tötungen vorträgt, hören die Eltern reglos zu. Gemeinsam sollen sie am Morgen des 30. August 2018 zuerst Antons Zimmer betreten haben. Mit einem Jagdmesser seines Vaters soll der Vater den Jungen niedergestochen, anschließend mit einem Zimmermannhammer erschlagen haben.

Anschließend gingen sie in Emilias Zimmer, traten an ihr Bett. Wieder soll der Vater zugestochen und das Kind anschließend erschlagen haben.

Danach sollen sie Benzin verschüttet, sogar auf die Schlafanzüge der Kinder, und Feuer gelegt haben. Zum Anzünden hatte der Angeklagte lange Kaminanzünder verwendet – damit er sich nicht die Finger verbrennt.

Klaus Titze-Kattge: Nur aufgrund der schlechten Belüftung und des schnellen Eintreffens der Feuerwehr brannte das Haus nicht vollständig ab. Die besondere Schwere der Schuld kommt für beide Angeklagte in Betracht.

Zu Beginn des Prozesses sagte Werner H. über wirtschaftliche Probleme und einen Insolvenzantrag hinsichtlich seiner Praxis aus. Zur Tat wollte er sich zunächst nicht äußern. Ich habe meine Tat in eine Schublade getan, sagte er. Diese habe er nicht mitgebracht.