Bürgerschaftswahl in Bremen: Zeitenwende an der Weser - tagesschau.de
Bremen-Wahl-Beben: Rot-Grün abgewählt!
73 Jahre lang hat die SPD in Bremen regiert – doch damit könnte es nun bald vorbei sein. Denn bei der Bürgerschaftswahl stürzen die Genossen ab – und die CDU wird erstmals stärkste Kraft.

Der Absturz war zwar erwartet worden, aber dennoch dürfte er der SPD richtig weh tun: Die Sozialdemokraten verlieren massiv an der Weser. Auf gerade mal 24,5 Prozent (2015: 32,8 Prozent) kommen die Genossen noch laut ARD-Prognose. Und das im Kernland, der “letzten Bastion” der Sozialdemokratie. Seit 73 Jahren regiert hier die SPD, ein Rathaus ohne roten Bürgermeister ist für viele schlicht undenkbar.

Die CDU liegt bei der Landtagswahl in Bremen in den Hochrechnungen vor der SPD. Die Union erhielt demnach 25,2 bis 26,5 Prozent. Die SPD von Bürgermeister Carsten Sieling steht bislang bei 42,1 bis 24,5 Prozent. Zulegen konnten Grüne (18,2 bis 18,5 Prozent) und Linke (11,8 bis 12 Prozent), die FDP kommt auf 5,7 bis 5,8 Prozent, die AfD auf 5,9 bis 7,3 Prozent.

Und doch könnte es bald so kommen. Denn die CDU wird mit 25,5 Prozent (2015: 22,4 Prozent) erstmals stärkste Kraft im kleinsten deutschen Bundesland. Entsprechend frenetisch feierten die Christdemokraten ihren Spitzenkandidaten Carsten Meyer-Heder. Und der formulierte auch gleich einen Regierungsanspruch: “Ich will Bürgermeister werden”, sagte er in der ARD. Und seinen jubelnden Anhängern rief er zu: “Zum ersten Mal habt ihr gesagt: Die CDU solls machen.” Das sein ein klarer Auftrag der Wähler.

Allein “machen” freilich kann die CDU es nicht. Da die SPD eine Große Koalition bereits ausgeschlossen hat, bliebe der CDU im Moment nur Jamaika, also ein Bündnis mit FDP und Grünen. Meyer-Heder kann sich das gut vorstellen: “Jamaika fänd ich gut, weil das auch in Schleswig-Holstein gut funktioniert”, sagte er. Er sei aber auch offen für Schwarz-Grün.

Bürgermeister Sieling zeigte sich vor Anhängern ernüchtert. “Wir müssen sagen, dass die Zahlen des heutigen Abends uns nicht zufriedenstellen”, sagte er. “Sie sind durchaus enttäuschend.” Die SPD habe immer Mut und aufrechter Gang ausgezeichnet. Dies werde so bleiben. “Wir gucken in die Zukunft und wollen gestalten.”

Wahl in Bremen: CDU gewinnt Bürgerschaftswahl in Bremen – Klatsche für die SPD

Rechnerisch denkbar wäre das, denn deren Abschneiden ist die zweite Sensation an der Weser: 18 Prozent fahren die Grünen ein (2015: 15,1 Prozent) – und auch wenn satte zweistellige Ergebnisse bei den Grünen im Trend liegen – ist das doch ein enormer Erfolg. Zusammen mit der FDP, die auf 6 Prozent kommt, wäre ein Jamaika-Bündnis möglich.

Ob es allerdings dazu kommt, ist fraglich. Denn die Grünen haben Berührungsängste mit der FDP, besonders tief sind die Gräben zu den Liberalen bei den Themen Wirtschaft und Verkehr. Die FDP allerdings stünde wohl bereit: “Ich fokussiere mich eher auf die Gemeinsamkeiten”, erwiderte FDP-Fraktionsvorsitzende Lencke Steiner, angesprochen auf diese Differenzen.

Die Bremer Spitzenkandidatin der Grünen, Maike Schaefer, zeigte sich offen für beide denkbaren Dreier-Koalitionen. Eine große Koalition würde Stillstand bedeuten, sagte sie. “Deswegen wären wir bei jeder Dreier-Konstellation dabei.” Sie ließ aber offen, welche sie bevorzuge. 

Ebenfalls denkbar wäre Rot-Rot-Grün – eine Koalition, für die Noch-Bürgermeister Carsten Sieling im Wahlkampf geworben hatte und bei der er auch am Wahlabend blieb. Da die Linkspartei mit 12 Prozent (2015: 9,5 Prozent) ebenfalls sehr gut abgeschnitten hat, wäre durchaus denkbar, dass Sieling doch noch Bürgermeister bleibt. SPD-Fraktionschef Björn Tschöpe erklärte: “Es hängt an den Grünen.” Die Linkspartei stünde jedenfalls bereit für Rot-Rot-Grün.

Auf Platz drei in Bremen rangieren nach der Prognose die Grünen mit 18,0 Prozent, was einem Zugewinn von fast 3 Prozent entspräche, was für sich genommen als nicht sonderlich viel erscheint, aber wie bei der CDU (plus von 3,1 Prozent) doch einen großen Sprung bedeuten kann, nämlich in die Regierung. Die Grünen sind, wie es am frühen Abend aussieht, die Königsmacher in Bremen. Mit der SPD bekäme man zwar keine Mehrheit zusammen, aber im Verein mit den Linken (12 Prozent; ein Plus 2,5 Prozentpunkte) schon. Oder eben mit CDU und FDP (6 Prozent; ein Minus von 0,6 Prozentpunkten).

CDU wohl stärkste Kraft: In Bremen geht SPD historisch unter

Den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde schafft auch die AfD, sie kommt auf 7 Prozent. “Bremen ist ein extrem schwieriges Pflaster für uns”, sagte AfD-Spitzenkandidat Frank Magnitz. Damit meint Magnitz wohl auch die örtliche Konkurrenz durch die “Bürger in Wut”. Die örtlichen Rechtspopulisten treten nur in Bremerhaven an. Landesweit kommen sie auf 2,8 Prozent – wegen der Besonderheiten des Bremer Wahlrechts könnte das aber zum Einzug in die Bürgerschaft reichen.

Die SPD hat, nach Stand der Dinge kurz nach 20 Uhr am Wahlsonntag, fast 12 Prozent bei der Europawahl verloren, wo sie mit 15,5 Prozent weit hinter den Grünen landeten, und mehr als 8 Prozent bei der Bremer Bürgerschaftswahl, wo sie nach der ersten Prognose mit 24,5 Prozent um einen Prozentpunkt hinter der CDU angesiedelt wird. Das mag wenig erscheinen, wird aber allgemein als hochdramatisch gewertet, weil die CDU damit "erstmals seit 73 Jahren stärkste Kraft in Bremen" werden könnte.

Stimmen zur Bürgerschaftswahl: Meyer-Heder will Bürgermeister werden

Lange Gesichter bei der SPD: Bremens Bürgermeister Carsten Sieling nach Bekanntgabe der ersten Prognose.

Dagegen Jubel bei der CDU: Die Christdemokraten dürften erstmals stärkste Kraft in der Hansestadt werden.

SPD-Chefin Nahles zeigte sich im Wahlkampf extrem nervös; Vorgänger Sigmar Gabriel, der Abstrafungen der Partei gut kennt und mit Nahles noch eine Rechnung offen hatte, schoss denn auch blitzschnell aus dem Hintergrund, um nach dem miserablen Abschneiden der SPD bei den Europawahlen und bei der Bremer Bürgerschaftswahl "sofortige Konsequenzen" zu fordern:

Sollte die SPD in Bremen tatsächlich die Macht verlieren, dürfte das auch Folgen für den Bund haben. Beobachter hatten vor der Wahl den Sturz der bereits stark unter Druck stehenden Parteichefin Andrea Nahles vorhergesagt, sollte Bremen fallen und die gleichzeitig stattfindende Europawahl für die Sozialdemokraten schlecht ausgehen. Das dürfte der Fall sein: Laut aktuellen ARD-Hochrechnungen kommt die SPD nur auf etwa 15 Prozent. Eine krachende Niederlage.

Ob Gabriel jetzt doch nicht auf die Atlantikbrücke geht, sondern mehr auf das Comeback in eine Spitzenposition der Sozialdemokraten setzt? Oder will er nur seine Macht im Hintergrund demonstrieren? An Spekulationen über personelle Rochaden bei der SPD wird es die nächsten Tage nicht fehlen.

Wahl in Bremen – Prognose: CDU erstmals seit 73 Jahren vor der SPD

In Bremen dürfte das schlechte Abschneiden der SPD auch zusammenhängen mit dem relativ blassen aktuellen Bürgermeister Sieling. In Vorwahlumfragen kam er zwar immer noch auf ordentliche Werte – von den Ergebnissen seiner Vorgänger allerdings war er weit entfernt. Zugleich hat die SPD auch in Bremen ihre traditionellen Stammwähler – die Hafen- und Industriearbeiter – verloren. Hinzu kommt die massive Verschuldung des kleinsten Bundeslandes: Es fehlt am Geld – und das spüren die Bremer. In Bildungsrankings zum Beispiel nimmt das Land mit schöner Regelmäßigkeit den letzten Platz ein.

Aber auch die Hoffnung infolge dieser Ungewissheit hilft der Stimmung in der ständigen Vertretung nicht auf die Beine. Die Genossen starren auf ihre Biergläser und nehmen die Ergebnisse schweigsam hin. Ein paar Laute der Enttäuschung, als der Balken der CDU länger wird als der SPD-Balken. Noch etwas lauter äußert sich die Enttäuschung, als die sechs Prozent der FDP angezeigt werden. Denn erst dadurch bekommt die CDU eine Machtoption in Form von Jamaika. Es tritt also genau das Szenario ein, das die SPD vor der Wahl befürchten musste: Historische Niederlage, CDU vorne, Jamaika möglich. Damit stellt sich auch die Frage, welche politische Zukunft Carsten Sieling in der SPD noch haben wird. Die jungen SPD-Politiker am Tisch schauen ob dieser Frage wieder ratlos ihre Kölschgläser an. An der Basis vermuten viele am frühen Wahlabend, dass sich Sieling so oder so nicht halten wird. Um 18.19 Uhr kommt er. Der Bürgermeister nennt das Ergebnis durchaus enttäuschend. Sieling verspricht, man werde intern offen und ehrlich besprechen, wie wir damit umgehen. Zum Schluss sagt Sieling aber noch einen aufschlussreichen Satz: Wir gehen in die Zukunft und wollen gestalten.

Die Wahlbeteiligung war in diesem Jahr deutlich höher als bei vergangenen Wahlen. Um 16.00 Uhr lag sie in ausgewählten Wahllokalen bei 46,9 Prozent, wie die Hansestadt auf ihrer Internetseite mitteilte. Briefwähler sind dabei nicht mit eingerechnet. Bei der Bürgerschaftswahl 2015 hatte die Wahlbeteiligung um diese Uhrzeit nur 35,5 Prozent betragen; letztlich nahmen 50,2 Prozent der Wahlberechtigten teil.

Diese Stoßrichtung haben auch die Äußerungen anderer SPD-Parteigrößen. Die Sozialdemokraten haben trotz ihrer historischen Niederlage die Hoffnung nicht aufgegeben, dass der Schlüssel zum Rathaus weiter in ihren Händen bleibt. Denn die deutlichste Mehrheit hat nach den Prognosen weiter Rot-Rot-Grün. Vor einer Woche hatte der SPD-Parteivorstand eine große Koalition angesichts der sinkenden Umfragewerte ausgeschlossen und klar auf ein solches Linksbündnis gesetzt. Der frühere SPD-Landesvorsitzende Andreas Bovenschulte sagt mit Blick auf die weiter bestehende Option Rot-Rot-Grün, die Gestaltungsmöglichkeiten sind noch nicht vom Tisch. Die Grünen hätten nun in der Hand, mit wem sie eine Regierung bilden wollten und werden mit beiden Seiten sondieren. Und es gibt keine parlamentarische Gepflogenheit, dass zwingend der Wahlgewinner den Auftrag zur Regierungsbildung hat, sagt Bovenschulte und sieht deshalb auch keinen Grund für einen Rücktritt von Sieling.

Verlieren und regieren? – Nachrichten aus Bremen

Wegen des vergleichsweise komplizierten Wahlsystems in Bremen dauert es einige Zeit, bis verlässliche Zahlen vorliegen. Eine erste Hochrechnung wird erst am späten Abend, ein vorläufiges amtliches Endergebnis am Mittwoch erwartet.

Ist das Kölschglas leer, kommt ungefragt ein neues daher, steht auf der Kreidetafel, die in der Ständigen Vertretung von der Decke hängt. In der Kneipe haben die Bremer Sozialdemokraten schon einige Wahlabende begangen und zufrieden an ihren Bierchen genippt. Auch am Sonntagabend wird wieder fleißig getrunken, allerdings aus einem anderen Grund. Die Sozialdemokraten betäuben ihre Trübsal, denn die Prognosen, die um 18 Uhr auf den Bildschirmen erscheinen, sind nicht nur die schlechtesten seit Bestehen des Bundeslands Bremen. Die SPD liegt auch erstmals in der Geschichte der Bremer Bürgerschaft hinter der CDU – wenn die Prognosen richtig liegen, diese Einschätzung sollte man an diesem Abend immer hinzufügen. Das Bremer Wahlrecht ist kompliziert. Anders als bei anderen Landtagswahlen gibt es stundenlang keine Hochrechnungen und das vorläufige amtliche Endergebnis wird erst in einigen Tagen vorliegen.

Die SPD liegt bei der Wahl zur Bürgerschaftswahl bei 24,1 Prozent, die CDU kommt laut der ersten ARD-Hochrechnung (Stand: 22:02 Uhr) auf 25,2 Prozent. Die Grünen werden mit 18,5 Prozent drittstärkste Kraft. Die Linke kommt auf 11,4 Prozent, die AfD auf 7,3 Prozent und die FDP auf 5,7 Prozent. Die Partei Bürger in Wut (BIW) kommt auf 3 Prozent.

In der Partei sehen manche allerdings auch in Bovenschulte einen möglichen neuen Bürgermeister. Er war schon als Nachfolger von Sielings Vorgänger Böhrnsen gehandelt worden, wechselte aber als Bürgermeister ins niedersächsische Weyhe, als sich dieser Plan zerschlug. Nun kehrt er in die Bürgerschaft zurück – und ist dort gemeinsam mit seinen Parteifreunden mit der bisher ungewohnten Situation konfrontiert, dass in Gestalt der Grünen andere über die Zukunft der Sozialdemokraten entscheiden könnten.

Damit wäre die rot-grüne Koalition von Carsten Sieling (60, SPD) abgewählt! Der amtierende Regierungschef erklärte: Diese Zahlen sind durchaus enttäuschend. Er will jetzt die Linken für ein rot-rot-grünes Bündnis dazu holen. Persönliche Konsequenzen lehnte er zunächst ab.

In Bremen ist das Historische geschehen: Zum ersten Mal seit 73 Jahren liegt die CDU vor der SPD, die ihr schlechtestes Ergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik verkraften muss. Wie soll sie aus diesem Tief wieder herauskommen?

Besonderheit im kleinsten Bundesland der Republik: Die Fünf-Prozenthürde gilt zwar, allerdings werden Bremen und Bremerhaven getrennt voneinander bewertet – eine Partei muss nur in einem der beiden Bereiche über fünf Prozent liegen, um ins Parlament einzuziehen.

Für die Bremer SPD ist es eine historische Schlappe, schon 2015 hatten die Sozialdemokraten mit 32,8 Prozent einen Tiefstwert hinnehmen müssen. Die Grünen, die 2015 auf 15,1 Prozent kamen, erzielten hingegen eines ihrer besten Resultat bei einer Wahl zur Bremer Bürgerschaft. Die Linke erreichte erstmals ein zweistelliges Ergebnis in Bremen (2015: 9,5 Prozent). Die Partei war hier 2007 erstmals in ein westdeutsches Landesparlament eingezogen. Auch die rechte Partei Bürger in Wut (2015: 3,2 Prozent) könnte mit 2,5 bis 2,8 Prozent wieder im Landesparlament vertreten sein. Hier käme eine Besonderheit des Bremer Wahlrechts zum Tragen. Um in den Landtag einzuziehen, reicht es, wenn eine Partei in einer der beiden Städte – Bremen und Bremerhaven – die Fünf-Prozent-Hürde überspringt. Das könnte bei der BIW im Fall von Bremerhaven der Fall sein.

▶︎ Demnach würde es auch die BIW in die Bürgerschaft schaffen. Laut einer ersten Prognose kommen sie in Bremerhaven auf 9 Prozent.

Und: Das Wahlsystem ist kompliziert und der Stimmzettel so umfangreich, dass es erst am späten Abend die erste Hochrechnung gibt. SPD und CDU liegen so nah beieinander, dass sich da noch durchaus etwas ändern kann.

CDU-Spitzenkandidat Carsten Meyer-Heder hat bereits Anspruch auf den Posten des Bürgermeisters erhoben, das Äquivalent zum Ministerpräsidenten in anderen Bundesländern. "Ich will Bürgermeister werden", sagte der 58-jährige IT-Unternehmer. Seine Partei habe den Prognosen zufolge als stärkste Kraft den Regierungsauftrag erhalten, dies sei besonders wegen der hohen Wahlbeteiligung werthaltig. Die Grünen hätten eine starke Position, weil sie sowohl mit der CDU als auch der SPD verhandeln könnten. Die SPD habe aber den klaren Auftrag erhalten, nicht zu regieren. Seine Partei wolle den Bürgermeister stellen.

Im Senat ist die Sitzverteilung laut Hochrechnung äußert knapp. Die SPD hat 22 Sitze, die CDU nur eine Sitz mehr 23. Die Grünen 17, die Linke 10, die FDP 5, die AfD 6 und die BiW einen Sitz.

SPD und Grüne bilden seit 2007 eine Koalition in Bremen. Reichen würde es für ein Bündnis aus SPD, Grünen und Linken. Die Linke würde in dem Fall erstmals in einem westdeutschen Land in Regierungsverantwortung kommen. Aber auch ein Jamaika-Bündnis aus CDU, Grünen und FDP ist möglich. Die Grünen wären die Königsmacher – sie können sich zwischen Rot-Rot-Grün und Jamaika entscheiden. Am Wahlabend vermieden es die Grünen, eine Koalitionsaussage zu machen. Eine große Koalition aus CDU und SPD ist zwar rechnerisch möglich, allerdings hatte Sieling einem Zusammengehen mit der CDU eine Absage erteilt.

Das Finale der Europa-Wahl! Rechtspopulisten-Schock in Frankreich, krachende GroKo-Niederlage – Wahlbeteiligung in Europa hoch.

Bremen ist ein Land mit Widersprüchen. Es hat mit knapp zehn Prozent die höchste Arbeitslosenrate bundesweit. Die Wirtschaft wächst zugleich stärker als im Bundesdurchschnitt. Bei der rechnerischen Wirtschaftsleistung je Einwohner liegt Bremen stets auf Platz zwei hinter Hamburg. Bei den verfügbaren Einkommen je Einwohner rangiert das Land dagegen weit unten. Neben sozialen Fragen war die Bildungspolitik ein wichtiges Thema im Wahlkampf. In Schulstudien liegt das Bundesland seit Jahren ganz hinten.

Laut ARD-Prognose zur Europawahl könnte die SPD erstmals bei einer bundesweiten Wahl unter 20 Prozent stürzen. Die Grünen legen zu.

Nach den ersten Hochrechnungen gehören die Parteienblöcke der rechtsnationalen Europa-Gegner zu den großen Gewinnern der Europawahl.

Die Linke erhofft sich von einem möglichen rot-rot-grünen Regierungsbündnis in Bremen auch Impulse für ein linkes Bündnis auf Bundesebene. “Wir werden dann auf alle Fälle eine solche Debatte auch bundesweit bekommen”, sagte Parteichef Bernd Riexinger am Sonntagabend der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Bremen sei zwar ein kleines Bundesland, aber es wäre das erste im Westen, wo die Linke mitregieren würde. “Das würde die Debatte über Alternativen zu den Konservativen oder auch zu einer großen Koalition ganz sicher beleben.”

480 000 Wahlberechtigte waren im kleinsten Bundesland dazu aufgerufen ihre Stimme abzugeben. Die Wahlbeteiligung lag bei 66 Prozent, das ist klar höher als bei der letzten Wahl. Obwohl Bremen das kleinste Bundesland ist, wird die Wahl Schockwellen nach Berlin senden. Und nach 73 Jahren droht der SPD der Verlust der Regierungsmacht in einer ihrer Hochburgen!

Die SPD fährt das historisch schlechteste Ergebnis in Bremen ein, macht 8 Prozentpunkte Verluste. Fast alle anderen Parteien legen zu: CDU plus 3 Punkte, die Grünen plus 3,5 Punkte, die AfD plus 2 Punkte, die Linke plus 2 Punkte. Nur die FDP verliert 0,5 Punkte.

Der Grünen-Bundesvorsitzende Robert Habeck hat das starke Ergebnis bei der Bremer Bürgerschaftswahl als “Regierungsauftrag ohne Frage” bezeichnet. Die Wahl im kleinsten Bundesland als Signal für Klimaschutz und den Zusammenhalt in Bremen habe auch Auswirkungen auf die Atmosphäre in der Bundespolitik, sagte Habeck am Sonntag in Bremen nach den Prognosen von ARD und ZDF. Demnach kamen die Grünen auf 18 bis 18,5 Prozent.

Rein rechnerisch reicht es für eine Große Koalition, Rot-Rot-Grün oder Jamaika. Doch was ist politisch möglich?

Riexinger sagte weiter, in Bremen komme es jetzt auf die Grünen an: “Ich hoffe, sie (die Grünen) realisieren, dass die meiste Zustimmung neben Rot-Grün, Rot-Rot-Grün hat und dass die Linke mit dafür sorgen kann, dass es in Bremen eine neue linke Politik gibt.” Nach der Bürgerschaftswahl dürfte es in dem Stadtstaat entweder auf eine schwarz-grün-gelbe oder eine rot-rot-grüne Koalition hinauslaufen.

▶︎ Die CDU wäre damit die stärkste Kraft. Sie könnte mit der SPD als Juniorpartner als Bremen-GroKo oder mit den Grünen und der FDP als Jamaika-Koalition regieren. Der Bremer CDU-Landesgeschäftsführer Heiko Strohmann nannte die zweite Option kurz nach der ersten Prognose realistisch.

Die CDU sei für ihre Bildungs- und Verkehrspolitik gewählt worden, sagte er am Sonntagabend. Die Grünen hätten ihre Stimmen für ihre Klimapolitik bekommen. Dies passe gut zusammen. Allerdings sei die CDU auch offen für Koalitionsgespräche mit der SPD. Die Sozialdemokraten hatten allerdings bisher eine große Koalition mit der CDU klar ausgeschlossen.

Bei der Landtagswahl in Bremen liegt die CDU Prognosen zufolge vor der SPD. Nach Angaben von ARD und ZDF von Sonntagabend könnte die CDU damit erstmals seit mehr als 70 Jahren stärkste Kraft in der Bremer Bürgerschaft werden. Die SPD fährt ihr schlechtestes Wahlergebnis seit 1946 ein. Zulegen können demnach Grüne und Linke. Die AfD schafft es ebenfalls ins Landesparlament, die FDP wohl nur knapp. Welche Koalition künftig das kleinste deutsche Bundesland regiert, bleibt zunächst offen.

▶︎Die SPD ist DER Wahlverlierer, könnte sich aber mit einer Rot-Rot-Grünen-Koalition an der Macht halten. Die Linke zeigt sich offen, die Grünen haben noch keine klare Zusage gemacht. SPD-Parteichefin Andrea Nahles erklärte: Rot-Rot-Grün ist in Bremen möglich.

Bremen ist ein Land mit Widersprüchen. Es hat mit knapp zehn Prozent die höchste Arbeitslosenrate bundesweit. Die Wirtschaft wächst zugleich stärker als im Bundesdurchschnitt. Bei der rechnerischen Wirtschaftsleistung je Einwohner liegt Bremen stets auf Platz zwei hinter Hamburg. Bei den verfügbaren Einkommen je Einwohner rangiert das Land dagegen weit unten. Neben sozialen Fragen war die Bildungspolitik ein wichtiges Thema im Wahlkampf. In Schulstudien liegt das Bundesland seit Jahren ganz hinten.

Eine Große Koalition mit der CDU hatte der aktuelle Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) schon vor der Wahl ausgeschlossen. Genauso wie eine Ampel-Koalition mit Beteiligung der FDP.

▶︎ Die Grünen sind das Zünglein an der Wage, oder bei dem Wahlergebnis eher die Zunge an der Wage! Früher gab es zwischen der Bremer CDU und den Grünen keine Schnittmengen. Jetzt mit ihrer neuen Spitzenkandidatin Maike Schaefer (47) ist das anders. Nach dem guten Abschneiden zeigte sie sich für jede denkbare Dreier-Koalition offen.

Mit einem vorläufigen amtlichen Endergebnis wird erst am Mittwoch gerechnet. Am späten Wahlabend soll es nur eine amtliche Hochrechnung des Landeswahlleiters auf Grundlage von 89 der 558 Wahlbezirke geben. Sie liegt aber erfahrungsgemäß sehr nah am Endergebnis. Ein Grund ist das komplexe Wahlsystem mit fünf Stimmen. Zudem sollen die Ergebnisse der Europawahl zuerst ausgezählt werden.

Im Interview mit der taz sagte sie, dass die Verkehrswende und damit der dringend benötigte Umweltschutz mit der CDU, nicht mit der SPD zu machen ist. Andererseits sagte sie im gleichen Interview auch Mein Herz schlägt links und äußerte sich skeptisch zu einer Koalition mit der FDP. Experten gingen vor der Wahl davon aus, dass wenn der Abstand zwischen CDU und SPD groß ist, die Grünen auf Jamaika setzten.

▶︎ Die Linke zeigt sich offen für eine Koalition mit den Grünen. Spitzenkandidatin Kristina Vogt betonte am Sonntagabend, dass ihre Partei für ein rot-rot-grünes Bündnis zur Verfügung stehe. Die Wahlprogramme aller drei Parteien zeigten deutliche Übereinstimmungen.