Scheitern einer friedlichen Utopie
Johan Simons eröffnet Intendanz in Bochum mit der Jüdin von Toledo” | Kultur
Eine Wand als Brett vorm Kopf: Gina Haller, Pierre Bokma, Ulvi Erkin Teke, Jele Brückner und Hanna Hilsdorf in der Jüdin von Toledo.

Urbi et orbi: Johan Simons startet seine Intendanz am Schauspielhaus Bochum mit Lion Feuchtwangers "Die Jüdin von Toledo" und setzt auf eine Öffnung in alle Richtungen.

Die Geschichte um den wandlungswilligen Juden Jehuda, dessen Tochter Rachel zum Pfand wird für den rücksichtslosen, auf den eigenen Spass bedachten spanischen Herrscher Alfonso, ist für Johan Simons so modern wie die heutigen politischen Grabenkämpfe, die ideologischen Sprachgefechte, die Ignoranz gegenüber einer fremden, anderen Geschichte, mit der wir plötzlich und unausweichlich konfrontiert werden. Wie der Freund berechnend zum Feind wird, alte Lügen in brüchige Wahrheiten verwandelt werden, das Wort allein zur Waffe gerät: Simons erzählt davon mit sehr langem Atem in spröden Dialogen und verzichtet streng und anstrengend auf szenische Spielereien. Ein grösstenteils bilderarmes, gedankenschweres Theater, das zum Zuhören herausfordert, jedoch nicht belehren, vielmehr berühren soll; das verunsichern, Verkrustungen aufbrechen will.

Das neue Logo des Bochumer Schauspielhauses zwingt das Runde ins Eckige. Ein stilisierter Globus ragt da aus einem Rechteck und zeigt an: Wir haben die Welt im (Guck-)Kasten! Und zwar “die Welt heute, 2018”, mit ihrer ganzen Komplexität und Vielfalt, wie der neue Intendant Johan Simons bei seiner Eröffnungsrede hervorkehrte. Die Devise sei: “Bochum – mitten in Europa, mitten in der Welt”. Das war zwar auch schon in München die Ansage, als Simons von 2010 bis 2015 Intendant der Kammerspiele …

Simons wagt dieses Theater der «Vielfalt statt Einfalt» mit einem Ensemble, das sich durch Stars und Diversität auszeichnet. Man sah jetzt schon in der «Jüdin» so herausragende Schauspieler wie Pierre Bokma oder Anna Drexler. Man wird es demnächst in der wunderbaren, vom Hausherrn als Liebesverzweiflungsgeschichte inszenierten «Penthesilea» mit Sandra Hüller und Jens Harzer sehen; man folgte den Performance-Verwirrungen von Benny Claessens. Alles kann Bochum in Zukunft sein – nur nicht das, was Philipp Blom ein «leeres Luxuskonstrukt» genannt hat.

Neustart am Schauspielhaus Bochum: Die Mauer muss weg

BOCHUM – Auf den ersten Blick ist Lion Feuchtwangers 1955 erschienener Roman „Die Jüdin von Toledo“ nicht die erste Wahl, um eine Spielzeit und eine Intendanz zu eröffnen. Eine spröde Geschichte aus dem mittelalterlichen Spanien um die Liebe des christlichen Königs Alfonso VIII. zur Tochter seines jüdischen Kanzlers Jehuda, die in Blut, Krieg, Morden endet. Und doch beginnt Johan Simons, neuer Intendant am Schauspielhaus Bochum, mit einer Dramatisierung dieses Buchs. Es wurde ein bejubelter Erfolg.

Dazu mag beitragen, dass der Dramaturg Koen Tachelet seine Spielfassung auf einige Kernthemen der aktuellen politischen Debatte zuspitzt. Da geht es um verfolgte Juden aus Frankreich, die in Kastilien aufgenommen werden. Sind das Schmarotzer am Volksvermögen, wie es der Bischof Don Martin einer verängstigten Bürgerschaft einreden will. Oder sind es wertvolle Arbeitskräfte, die die Wirtschaft voranbringen, wie der Realpolitiker Jehuda argumentiert. Es geht um Identität, um die Rolle von Religion und Ideologie. Gleich im Prolog debattieren der Christ Alfonso, der Jude Jehuda und dessen muslimischer Freund Musa über ihre drei Religionen. Ein Nachhall ähnlicher Dispute bei Lessing, nur dass es nicht um Wahrheit geht sondern um den Dschihad oder dessen christliche Version, den Kreuzzug.

Für ein Drama bietet Feuchtwangers Stoff recht wenig Dramatik. Es wird viel geredet über den König, der seine Gattin Leonor vernachlässigt und die Pflicht zum Heiligen Krieg, um mit Raquel im eigens errichteten Lustschloss Unzucht zu treiben. Am Ende treibt das Misstrauen Alfonso in die Schlacht, und Leonor nutzt die Gelegenheit, den Juden und seine Tochter vom aufgewiegelten Mob ermorden zu lassen.

Es gibt aber auch eine Menge zu erzählen. Der 1954 erschienene Roman von Lion Feuchtwanger, den Simons und sein Dramaturg Koen Tachelet als Vorlage ihrer Fassung verwenden – es gibt auch ein gut hundert Jahre älteres Drama von Grillparzer zu dem historischen Stoff – hat rund 500 Seiten. Erzählt wird eine Geschichte über religiöse Toleranz und Intoleranz aus dem zwischen Christen und Muslimen umkämpften Spanien des 12. Jahrhunderts – und die komplizierten Wechselbeziehungen zwischen Religion, Politik und Privatem. Die Juden, als dritte Religionsgemeinschaft im Reich, werden von beiden Seiten mal mehr, mal weniger drangsaliert. Das ist auch der Grund, warum der weise Jehuda lange Zeit als Muslim gelebt hat, nun aber, als Berater des toleranten katholischen Königs Alfonso am Hof von Toledo, wagt, sich wieder zum Judentum zu bekennen – und auch seine vom Islam geprägte Tochter Raquel nun eben zur “Jüdin von Toledo” wird.

Simons bringt gleichwohl Bewegung ins Spiel, indem er die Drehbühne ständig rotieren lässt. Sie teilt eine gewaltige Wand aus weißem Styropor, die mal als Klagemauer, mal als Grenze dient (Bühne: Johannes Schütz). Alle zehn Darsteller sind ständig präsent, und sie gleiten um die Wand herum, lehnen sich an sie, legen sich auf den Boden, um unter ihr durchzurutschen. Die flüchtige, unsichere Situation spiegelt sich so in einer eleganten Choreografie, bei der kein Akteur einen festen Standpunkt beziehen kann. Alle müssen sich immer neu aufstellen. Das ermöglicht schnelle Szenenwechsel ohne aufwendige Umbauten. Nach der Pause zertrümmern die Darsteller die Wand, als der Krieg ausbricht. Aus schwankender Sicherheit wird eine Ruinenlandschaft, eine sichere Zerstörung.

Liebe und Krieg, das sind zwei Seiten derselben Medaille. Aber stimmt das wirklich? Egal, für kurze Zeit ist man mitten drin im Geschehen. Für kurze Zeit kann sich das Spiel gegen das intellektuelle Konzept behaupten. Aber nur kurz. Dann folgt ein Fazit, das sich länger hinzieht als nötig. Und als längst alles gesagt ist, gesteht Alfonso dem Geist der toten Raquel, dass er gehandelt habe “wie ein Kind”. Das hatte man nun wirklich ausführlich vorgeführt bekommen. Simons bleibt ein Bilderskeptiker. Das Bochumer Publikum dagegen kennt keine Skepsis: Die Zuschauer feiern ihren neuen Intendanten, sein Team und vor allem sein Ensemble mit langem, lauten Applaus.

Zwanglos beleben sich durch diesen Kunstgriff die Dialoge. Immer wieder nutzt Simons diese tänzerischen Momente, sei es in der Liebesszene zwischen Raquel und Alfonso, einem höchst sinnlichen Ringkampf, sei es in der Festszene, in der Leonors Mutter, der Bischof und weitere Akteure zum Kreuzzug aufrufen und die Gewaltgeilheit sich in einer stilisierten Gruppenkopulation entlädt.

E-Mail: Anke.Duerr@spiegel.de Mehr Artikel von Anke Dürr Freitag, 02.11.2018   14:22 Uhr Drucken Nutzungsrechte Feedback Kommentieren if (typeof ADI != undefined) ADI.writeAdScript(integrationteaser_1); Im Zentrum des Geschehens steht eine riesige weiße Wand. Das heißt, sie steht nicht, sie hängt frei von der Decke, sodass sie sich um die Längsachse drehen lässt. Diese kahle Wand wirkt, als herrsche am Bochumer Schauspielhaus ein Bilderverbot, ganz wie es das muslimisch erzogene Mädchen Raquel im Stück einmal anmahnt, nachdem es verstört von all den Götzenbildern aus einer katholischen Kirche kommt.

Der Niederländer Simons setzt ganz auf Internationalität, vom Globus im neuen Theaterlogo bis zu den englischen Übertiteln für ausländische Besucher. Und auch das Ensemble überschreitet nationale Grenzen. Man hört es am ehesten im schweizerischen Zungenschlag des estnischen Schauspielers Risto Kübar, der famos den Soldaten Diego verkörpert, eine geerdete Narrenfigur. Der niederländische Bühnenstar Pierre Bokma spielt Jehuda als tragisch scheiternden Humanisten, der hofft, den Herrscher bessern zu können, indem er ihm die Tochter opfert. In die facettenreiche Figur lässt er Momente großer Juden der Theatergeschichte einfließen, den Kaufmann von Venedig, in der Schabbat-Szene blitzt der Musical-Überschwang eines Tevje auf. Er zeigt den kühlen Ökonomen ebenso großartig wie die Leidensfigur, die sich am Ende nackt in Trümmern zusammenkauert.

Dazu stellt der Regisseur seine zehnköpfige Truppe auf die Drehbühne: Wer gerade spricht, wird nach vorn bewegt und verschwindet danach wieder am Rand oder hinter der weißen Wand, fast wie bei einer Spieluhr. Vor allem der Alfonso-Darsteller Ulvi Erkin Teke erinnert anfangs an eine mechanische Puppe: kein König, sondern ein tumber Junge, der mit schief gestelltem Kopf grimassenhaft lächelt, seine Sätze aufsagt wie auswendig gelernt und von seiner so patenten wie pragmatischen Frau Leonor (Anna Drexler) in ein groteskes schwarzes Reifrock-Kleid gesteckt wird.

Hanna Hilsdorf ist Raquel, eine wunderbar starke, lebensfrohe Frauenfigur. Ulvi Erkin Teke gibt dem Alfonso anfangs den Trotz eines kleinen Jungen und zeigt später den immer destruktiveren Geist des Ritters. Das Ensemble wirkt überhaupt gut eingespielt, obwohl es komplett neu zusammengestellt ist, starke Auftritte haben auch Anna Drexler als megärenhaft wütende, intrigante Königin Leonor, Gina Haller als Ratgeber und Freund Musa, Jele Brückner als kastilischer Rabbi und als Königin-Mutter. Mehr als dreieinhalb Stunden intellektuelle Herausforderung, die nicht lang wird. Großer Beifall.